Wahlweise als «Ohrfeige», «Fiasko» oder «Kanterniederlage» taxierten Kommentatoren die Busse, zu der ein Gericht in Paris diese Woche die UBS verdonnert hat. Die Grossbank soll umgerechnet 5 Milliarden Franken für angebliche Steuerdelikte in den Jahren 2004 bis 2011 bezahlen. Sollte sie Bestand haben, wäre es die höchste Busse, die je in Frankreich ausgesprochen worden ist. Die UBS hat Berufung eingelegt und glaubt nach wie vor an einen Freispruch, weil die Staatsanwaltschaft weder Beweise noch Zeugen oder Whistleblower hat, die belegen, dass die Bank reiche Franzosen zur Steuerhinterziehung angestiftet hat.

Auch ohne Bankgeheimnis geschäftet es sich prächtig

Das spektakuläre Urteil kommt für den ganzen Finanzplatz in einem ungünstigen Moment. Vor einem halben Jahr hat als letzte grosse Schweizer Bank die Zürcher Kantonalbank den Steuerstreit mit den USA beigelegt – zu einem vergleichsweise günstigen Tarif: Der Ablass war für 100 Millionen Franken zu haben. Nachdem die Amerikaner in den Jahren davor bei den sündigen Banken insgesamt 6 Milliarden abgeholt hatten – und die Schweiz als Zugabe das Bankgeheimnis preisgab –, schien die Vergangenheit bereinigt. Der Blick des Finanzplatzes richtete sich nach vorn. Statt sich mit Steuerbetrug und Schwarzgeld herumzuschlagen, arbeiteten die Banken an der Umsetzung ihrer Weissgeld-Strategien und an ihrer grössten Herausforderung: der Digitalisierung ihres Geschäfts und den damit verbundenen massiven Kostensenkungen.

Das neue Zeitalter begann verheissungsvoll. Wer angenommen hatte, die Geldhäuser würden nur noch darben ohne Bankgeheimnis, das auch gegenüber Europa gefallen ist, sieht sich eines Besseren belehrt. UBS und Credit Suisse konzentrieren sich mehr denn je auf die gute alte Vermögensverwaltung, und diese rentiert prächtig. Vergangene Woche meldete die CS den ersten Milliardengewinn seit drei Jahren. Vorbei ist der Grössenwahn aus der Ära vor der Finanzkrise mit Allfinanz-Träumen und ausgebautem Investmentbanking. Dass die UBS und CS nach den Schrumpfkuren im Vergleich zu den US-amerikanischen Instituten kaum noch als echte «Gross»-Banken bezeichnet werden können, ist aus volkswirtschaftlicher Sicht kein Nachteil.

So weit, so gut. Doch der Pariser Schuldspruch zeigt: So schnell wird der Finanzplatz die Geister der Vergangenheit nicht los. Erst gut zehn Jahre liegt der berühmte Ausspruch des damaligen Finanzministers Hans-Rudolf Merz zurück: «An diesem Bankgeheimnis werdet ihr euch die Zähne ausbeissen!», sagte er an die Adresse des Auslands. Längst ist es beerdigt und der automatische Informationsaustausch eingeführt. In den neusten Steuerflucht-Enthüllungen – beispielsweise den Panama Leaks und Offshore Leaks – tauchen die Schweizer Banken folgerichtig nicht mehr als Bösewichte auf. Aus der Zeit vor der Finanzkrise aber schlummern ganz offensichtlich noch immer Altlasten, die für die Banken – siehe UBS – zu Milliardenbussen führen können. Heute ist es nicht mehr das Ausland, das sich am Bankgeheimnis die Zähne ausbeisst. Nun sind es die Banken, die an dessen Spätfolgen zu nagen haben.

Das Urteil von Paris birgt zwei Risiken: Dass die Finanzstaatsanwaltschaft in der aktuellen Stimmungslage Frankreichs – wo sich Macron gegen das Etikett «Präsident der Reichen» und gegen die Gelbwesten wehren muss – auch andere helvetische Banken ins Visier nimmt. Und dass Frankreich andere Länder mit leeren Staatskassen und antikapitalistischer Grundstimmung, etwa Italien, Spanien oder Griechenland, auf die Idee bringt, es Frankreich gleichzutun. Das Mitleid mit den Schweizer Banken hält sich in engen Grenzen, selbst in der Heimat. Und es ist ja auch richtig: Für illegale Praktiken sollen sie büssen, so wie sie das in den USA getan haben. Nicht im Interesse der Schweiz ist indes, wenn ausländische Justizbehörden aus politischen Motiven auf die Banken losgehen, um mit Vergleichen Milliarden herauszupressen oder in kaum begründbaren Strafurteilen wie jenem von Paris Bussen auszusprechen. Nur schon deshalb nicht, weil dann die Banken hier weniger Gewinnsteuern abliefern.

Die Kniefall-Strategie ist überholt

UBS-Chef Sergio Ermotti argumentierte nachvollziehbar, als er diese Woche in den CH-Media-Zeitungen begründete, warum die UBS sich nicht auf einen Vergleich einliess: «Es wäre ein katastrophales Signal gewesen, Milliarden zu zahlen, wenn es keinen Beweis für Fehler gibt.» Dann, so Ermotti, hätte die UBS einen Präzedenzfall geschaffen und Frankreich wäre nach demselben Muster womöglich auf andere Banken losgegangen. Auch das ist eine Lehre der Vergangenheit: Nur kuschen und zahlen, wie das die Banken und die Schweizer Politik unmittelbar nach der Finanzkrise taten, ist als Strategie ebenso überholt wie das Bankgeheimnis.