Wir kamen gerade von einem frühen Abendessen in einem neu eröffneten Restaurant, das uns nur zur Unzeit von 17.30 Uhr einen Tisch anbieten konnte. Was allerdings in Amerika keine vollkommen absurde Abendessenszeit ist. Schon gar nicht in Santa Fe, der verschlafenen kleinen Wüstenstadt, die nachts um zehn das Trottoir hochklappt.

Das neu eröffnete Restaurant schien uns etwas überbewertet, aber Doris hatte sich trotzdem die Reste einpacken lassen – auch meine. Auch das ist in Amerika nichts Aussergewöhnliches. Die Portionen sind hier so gross, dass sie gern für zwei Mahlzeiten reichen. Doris aber tat es aus einem anderen Grund: «Für die Obdachlosen, die auf dem Parkplatz schlafen.»

Die Obdachlosen? Die waren mir noch gar nie aufgefallen. Das beschämte mich. Es mochte daran liegen, dass ich immer noch viel Zeit in San Francisco verbringe, wo das Obdachlosenproblem geradezu epische Ausmasse angenommen hat. San Francisco, eine der reichsten und somit auch teuersten Städte der Welt, präsentiert sich dem unvorbereiteten Besucher wie ein Slum. Jeder Bürgermeister präsentiert einen neuen Plan zur Lösung des Problems, jedes Jahr wird mehr Geld dafür aufgewendet, unterdessen fast 300 Millionen Dollar. Und doch wird es jedes Jahr schlimmer.

Als wir über den dunklen Parkplatz zu Doris’ Auto gingen, sah ich sie erst, die Schatten, die zwischen den Fahrzeugen Schutz suchten, sich gegen den eisigen Wind zusammenkrümmten. In Santa Fe wird es im Winter empfindlich kalt, nachts kann die Temperatur schon mal auf minus 20 Grad sinken.

Doris verteilte ihre Pappschachteln mit den Essensresten, stellte sie in diskretem Abstand neben die Schlafenden, die vielleicht auch Bewusstlosen. Plötzlich bückte sie sich, schüttelte einen Schlafenden an der Schulter.

«Ethan? Bist du das?» Dann drehte sie sich zu mir um. «Ich kenne diesen Jungen», sagte sie. «Er ist mit meinem Sohn zur Schule gegangen!» Sie versuchte ihn zu wecken, doch ohne Erfolg. Doris rief die Mutter des Jungen an. Doch diese seufzte nur. «Ich will es nicht hören», sagte sie. «Ich habe aufgegeben.»

Wenn die Obdachlosigkeit in San Francisco viel mit der Abschaffung der psychiatrischen Zwangseinweisung zu tun hat, ist sie in New Mexico fast ausschliesslich drogenbedingt. Albuquerque hat nicht erst seit der Fernsehserie «Breaking Bad» den Ruf als Crystal-Meth-Hauptstadt der Vereinigten Staaten.

Rio Arriba County, zwischen den idyllischen Touristendestinationen Taos und Sante Fe gelegen, hat die höchste Todesrate durch Drogenüberdosis in den ganzen Vereinigten Staaten, fünf Mal höher als der nationale Durchschnitt. Die höchste Arbeitslosenquote auch. Heroin ist überall und leicht erhältlich und wird oft von ganzen Familien gemeinsam konsumiert, vom Grossvater bis zum zehnjährigen Enkel.

Und dann gibt es solche wie Ethan, die es aus Neugier probieren, einfach weil es da ist. Und dann nicht mehr davon loskommen. «Anderswo würden diese 14-Jährigen erst mal Marihuana rauchen», erklärte ein gestresster Drogenarzt. «Hier fängt man gleich mit Heroin an.»

«Ruf mich nicht mehr an», sagte Ethans Mutter zu Doris. «Ich kann nicht mehr.» Nach zehn Jahren voller enttäuschter Hoffnungen und nächtlicher Anrufe. Eine gebrochene Frau.

Ein paar Tage später stand ich auf der eiskalten, mit Hunderttausenden Glitzerlichtern geschmückten Plaza und wartete auf den Weihnachtsumzug, «Las Posadas», zu Deutsch «die Herbergen». Der Umzug stellt die vergebliche Suche von Maria und Josef nach einer Unterkunft dar. Singend, begleitet von Kindern und Eseln und Engeln, umrunden sie den Platz.

Von den Dächern hinab werden sie von frechen Teufeln verhöhnt. Unwillkürlich musste ich an Fred denken und an all die anderen zusammengesunkenen Gestalten auf dem Parkplatz in Santa Fe, in den Strassen von San Francisco. Doch dieses Jahr gab es keine Teufel. Stattdessen waren es Gastwirte, die «Nicht hier! Kein Platz!» von den Dächern schrien. Es sei kinderfreundlicher so, war die Argumentation der Veranstalter. Abgesehen davon komme der Teufel in der Weihnachtsgeschichte gar nicht vor. Das stimmt natürlich – aber Santa Fe ist ja nicht umsonst «The City Different»!

Ich konnte mir nicht helfen, mir fehlten die Teufel. Die als Gastwirte verkleideten Schauspieler hätten ebenso gut Politiker darstellen können. «Nicht hier! Wir haben keinen Platz! Verschwindet!»