Donald Trump feierte gestern die Wahlresultate als «riesigen Erfolg» und «grossen Sieg», obwohl seine Republikaner die Mehrheit im Repräsentantenhaus verloren haben. Waren die Jubel-Tweets wieder eine seiner Lügen? Die Antwort ist nicht so einfach. Einerseits lautet sie Ja. Der nationale Wähleranteil der Republikaner sank gegenüber 2014 von 51 auf 47 Prozent.

Die Amerikaner haben Trump Grenzen gesetzt und klargemacht, dass sie eine Machtteilung mit den Demokraten wollen. Andererseits lautet die Antwort Nein. Noch vor einem Jahre waren sich die Demokraten der «blauen Welle» gewiss, welche die Republikaner massenhaft aus beiden Parlamentskammern schwemmen sollte. Bereits träumten sie von einer Amtsenthebung Trumps.

Gemessen an diesen Szenarien und angesichts seiner chaotischen Amtsführung schnitten die Republikaner erstaunlich gut ab. Dies umso mehr, als die Partei des Präsidenten bei Zwischenwahlen üblicherweise verliert – bei Bill Clinton und Barack Obama war dies ausgeprägter der Fall als nun bei Trump.

Und da ist noch der Senat, der weitreichende Kompetenzen hat, unter anderem die Bestätigung von Bundesrichtern.

Dass die Republikaner im Senat Sitze hinzugewannen, betrachtet der US-Präsident zu Recht als sein Verdienst: Er eilte in den umkämpften Bundesstaaten von Veranstaltung zu Veranstaltung, schlachtete die Kavanaugh-Affäre und die Migranten-Karawane gnadenlos aus und mobilisierte so ganz offensichtlich seine Basis zur Stimmabgabe.

Er liebt den Konflikt

Vielleicht jubelte Trump aber auch darum, weil er weiss: Die demokratische Mehrheit in der grossen Kammer könnte ihm zupasskommen. Der 72-Jährige will 2020 noch einmal kandidieren. Sollte sich die Wirtschaft bis dahin abkühlen, etwa wegen des von ihm entfachten Handelskriegs, und sollte er weitere Ziele wie den Bau der Mauer verfehlen, wird er der demokratischen Mehrheit die Schuld in die Schuhe schieben.

Der Blick von Karikaturist Silvan Wegmann auf die «Midterms» in den USA.

Der Blick von Karikaturist Silvan Wegmann auf die «Midterms» in den USA.

Trump, der «Konflikte liebt», wie er sagt, läuft immer dann zu Hochform auf, wenn er angegriffen wird. Und genau das wird passieren. Das Repräsentantenhaus wird versuchen, ihn zu blockieren und die Herausgabe seiner Steuererklärung zu erzwingen; Trump kündigte für diesen Fall bereits Rache an.

Die US-Bürger stellten Donald Trump, der die Zwischenwahlen zu einem Referendum über sich selbst erklärt hatte, also kein eindeutiges Zeugnis aus. Darüber hinaus brachten die «Midterms» vier Erkenntnisse hervor:

■ Totale Polarisierung. Die USA sind nach diesen Wahlen noch tiefer gespalten als davor. Trump denkt nicht daran, der Opposition die Hand auszustrecken. Und in der Bevölkerung haben sich die Gräben zwischen Jung und Alt, Stadt und Land, gut und schlecht Ausgebildeten weiter vertieft.

■ Politisierung. Ein Vorteil dieser bedenklichen Entwicklung ist die hohe Stimmbeteiligung. In der Trump-Ära, die niemanden gleichgültig lässt, gehen insbesondere Junge, Frauen und Minderheiten an die Urne, die früher zuhause blieben. Ein starkes Zeichen für die Lebendigkeit der Demokratie, die unter Trump angeblich gefährdet ist.

■ Feminisierung. Eine Folge der Politisierung ist, dass die Frauen – vor allem Demokratinnen – so zahlreich im Parlament vertreten sind wie noch nie. Trump, der immer wieder mit sexistischen Sprüchen auffällt, hat eine eigentliche Bewegung gegen sich losgetreten.

■ Radikalisierung. Nach den Republikanern sind auch die Demokraten extremer geworden. In Städten und Vorstädten wurden mehrere weit links stehende Kandidaten gewählt. Unter den Republikanern wiederum finden sich kaum noch prononcierte Trump-Kritiker wie der verstorbene Senator John McCain.

Eine grosse Frage bleibt ungeklärt. Welcher Demokrat könnte 2020 Trump schlagen? Zwei Hoffnungsträger, Beto O’Rourke und Andrew Gillum, verpassten die Wahl. Trump persönlich hatte sie mit aller Kraft bekämpft. Die Chancen, dass er in zwei Jahren die Wiederwahl schafft, sind gestern eher gestiegen als gesunken. Aber bis dahin kann noch sehr, sehr viel passieren.