Sie interessieren sich nicht für Fussball? Dann sollten Sie trotzdem weiterlesen. Denn am Ausgang der Fussballmeisterschaft erkennt man Schweizer Befindlichkeiten.

Die Berner Young Boys werden also Meister. Zum ersten Mal seit 32 Jahren. Der Vorsprung auf Serienmeister Basel ist derart gross, dass nichts mehr schiefgehen kann. Die Frage ist einzig, wann den Bernern der Titel rein rechnerisch nicht mehr zu nehmen ist. Und ob YB gleich noch den Cup gewinnen wird. Das Double? Wer hätte an diese Möglichkeit gedacht. Dass dieses Jahr tatsächlich zum «YuBeljahr» wird, damit hat wohl auch die Sportredaktion dieser Zeitung nicht ernsthaft gerechnet, als sie Anfang Saison die gleichnamige Kolumne initiiert hatte. Denn YB ist eigentlich zum Synonym geworden für Erfolglosigkeit im Schweizer Fussball. Welcher Klub kann schon von sich behaupten, Namensgeber für ein neues Verb zu sein? YB kann das, und das ist alles andere als schmeichelhaft: «veryoungboysen» steht für wichtige Chancen auslassen, einen sicher geglaubten Erfolg noch aus der Hand zu geben oder einfach in wichtigen Momenten zu versagen. Die Niederlagen wurden quasi kultiviert. Es gibt Leute, welche in diesem Fatalismus einen Teil der Berner DNA erkennen.

Die Zürcher Nörgler

Womit wir bei der Politik wären. Sie wissen schon: Der Kanton Bern bezieht mehr als eine Milliarde Franken aus dem nationalen Finanzausgleich (NFA). Andere Kantone erhalten zwar mehr Geld pro Kopf. Doch der träge Berner Bär ist die liebste Zielscheibe der NFA-Kritiker. So wie YB für Erfolglosigkeit steht, steht Bern für wirtschaftliche Impotenz. Und wie lässt sich unter diesen Umständen der YB-Erfolg erklären? Genau. Die Nörgler weisen darauf hin, dass der Erfolg auf Zürcher Geld beruht. Tatsächlich kommt das Geld der YB-Mäzene, des letzte Woche verstorbenen Andy Rihs sowie seines Bruders Hans-Ueli – von der Zürcher Goldküste. Es ist also wie im realen Leben: Bern kriegt nichts von selbst zustande. So schrieb die Schweizer Ausgabe der «Zeit»: «Wie in der Politik setzt Bern also auch im Fussball auf die Kraft des Finanzausgleichs.» Und die «Weltwoche» doppelte nach: «Bern ist wirtschaftlich zu schwach und zu träge, um Last und Verantwortung für den Grossklub auf sich zu nehmen. Vor allem hat Bern sich daran gewöhnt, dass andere dann schon die offenen Rechnungen für das wohlige Leben begleichen werden.»

Natürlich fragt man sich auch in Bern, wie es YB dereinst ohne die Unterstützung ihrer Financiers ergehen wird. Doch derzeit ist Euphorie angesagt. In der Bundesstadt heisst es nicht: «YB wird Meister», sondern «Wir werden Meister». Der Berner Stadtpräsident spricht von einer «Befreiung» und auf www.meistertraum.ch läuft ein Countdown bis zum Gewinn des Titels. Für die «Zeit» ist diese Vorfreude «provinziell». Der Beweis dafür, dass die Stadt sonst nichts zu bieten hat und unter schwindendem Einfluss leidet.

Aus dem Schatten

Mit Verlaub: Diese These ist natürlich Blödsinn. In Basel – dieser kulturell reichen und wirtschaftlich potenten Gegend – ist der Fussball mindestens so identitätsstiftend wie in Bern. Die These offenbart eine ziemlich zürcherische Sicht, um nicht zu sagen Überheblichkeit. Die Töne kommen ausgerechnet aus jener Stadt, die zwei eher mittelmässige Fussballclubs hat und wo ein modernes Stadion schon lange auf sich warten lässt. Wie riet der deutsche Fussballexperte Marcel Reif den Zürchern via «NZZ am Sonntag»: «Organisiert doch auf dem schönen See besser eine Segelregatta.»

Lassen wir doch den Bernern die Freude, die Nummer eins zu sein. Zumindest im Fussball. Und zumindest vorübergehend. Eigentlich sollte der Meistertitel eine Chance sein, hinter die Klischees zu blicken, statt gängige Vorurteile in den Sport zu projizieren. Bern ist mehr als der Bärengraben, Unesco-Weltkulturerbe oder das Marzili. «Eine Stadt wie neu» schrieb der «Tages- Anzeiger» kürzlich: «Sportlich erfolgreich, kulturell bestechend, politisch solid.»

Falls es doch noch eine politische Erklärung für die Euphorie dieser Tage braucht, hier ist sie: YB ist der Club der Stadt. Der ungleich erfolgreichere Eishockeyclub SCB hat seine Anhänger im ländlichen, behäbigen, aber eben imageprägenden Teil des Kantons. Für einmal tritt die Stadt aus diesem Schatten. Es muss wohltuend sein.

doris.kleck@azmedien.ch