Der 19-jährige Nikolas Cruz liess sich am vergangenen Mittwoch mit einem Uber-Taxi zur High School fahren, wo er um 14.19 Uhr eintraf. Wenige Minuten später tötete er mit seinem Sturmgewehr, das er legal gekauft hatte, in seiner ehemaligen Schule in Parkland (Florida) 17 Schüler und Lehrer. Nach seiner mörderischen Tour spazierte er in einen Walmart, kaufte sich ein Getränk, ging weiter zu einem McDonald’s und wurde schliesslich von der Polizei verhaftet.

Was nach solchen Taten in den USA geschieht, hat mittlerweile rituellen Charakter: Am Radio werden die Namen und Biografien der Toten vorgelesen, das Fernsehen zeigt Handy-Videos, die Schüler noch während der Schiesserei aufgenommen hatten, die Fahnen werden landesweit auf halbmast gesetzt – und in der Politik entbrennt eine Debatte über eine Verschärfung des Waffenrechts, die am Ende ohne Ergebnis versandet.

Die meisten Republikaner und deren Präsidenten, von Ronald Reagan bis Donald Trump, sind gegen jegliche Verschärfungen. Sie setzen sogar weitere Lockerungen durch, wie dies Trump nach Amtsantritt tat, als er eine Regulierung aus der Ära von Barack Obama aufhob, die den Zugang von geistig Kranken zu Waffen eingeschränkt hatte.

NRA in Amerika, «Pro Tell» in der Schweiz

Die Argumentation der Waffen-Promotoren ist uns als Schweizern wohlbekannt: Zu einem freien Land gehört das Recht auf möglichst uneingeschränkten Waffenbesitz. Bei der US-Waffenlobby NRA tönt das so: «Das Recht, Waffen zu haben und zu tragen, ist in einem freien Staat unabdingbar.» Das helvetische Pendant zur NRA ist «Pro Tell», die wegen ihres Kurzzeit-Mitglieds Ignazio Cassis einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden ist. Die Organisation schreibt auf ihrer Website: «Nach den Waffen der Bürger zu greifen, bedeutet, die Freiheit unseres Landes infrage zu stellen.»

Die Absolutheit, mit der NRA und «Pro Tell» argumentieren, ist überzogen. Zumal es in beiden Ländern durchaus Einschränkungen gibt, ohne dass deswegen deren Freiheit infrage gestellt wäre. In den USA ist zwar das Waffenrecht auf nationaler Ebene äusserst lasch, aber acht Bundesstaaten kennen Restriktionen, darunter Kalifornien, New York und Massachusetts. Ich halte mich zurzeit in Massachusetts auf, und hier bezeichneten Politiker und Medien ihr Gesetz als vorbildlich und hilfreich, Attentate wie in Parkland zu verhindern. Auch der republikanische Gouverneur steht hinter dem Gesetz.

In Massachusetts ist der Kauf von halbautomatischen Sturmgewehren wie der AR-15, die Nikolas Cruz verwendet hat, verboten. Ironischerweise wird dieses Gewehr in Massachusetts hergestellt. Die AR-15, eigentlich für die Armee vorgesehen, ist das häufigste Tötungsinstrument an Schulen und die populärste Waffe überhaupt in den USA: 15 Millionen Amerikaner besitzen eine AR-15. Massachusetts verbot auch andere Waffen sowie Magazine mit hoher Kapazität.

Dass dieser Bundesstaat die tiefste Tötungsrate hat, was Feuerwaffen betrifft, wird hier auf dieses strenge Gesetz zurückgeführt. Doch wissenschaftlich beweisen lässt sich dieser Zusammenhang nicht. Der Glaubenskrieg tobt weiter: Führen strengere Gesetze zu einer tieferen Kriminalität? Die NRA behauptet – ebenso wenig beweisbar – das Gegenteil: Während der Zeit von 1994 bis 2004, als in den USA der Kauf von Sturmgewehren vorübergehend eingeschränkt war, sei die Kriminalität nicht zurückgegangen. Seit der Aufhebung des Banns 2004 sei die Mordrate hingegen um 19 Prozent gefallen.

Mit Blick auf die Schiessereien an Schulen fragt man sich, ob nicht schon die Verhinderung eines einzigen Massakers Gesetze à la Massachusetts rechtfertigen würden. Hier hätte Nikolas Cruz sein Mordinstrument nicht kaufen können; in Florida hingegen brauchte er dafür nicht einmal einen Waffenschein. Schul-Schiessereien sind ein derartiges Phänomen geworden, dass aus europäischer Sicht das Laissez-faire kaum nachvollziehbar ist. Die «Washington Post» hat ausgerechnet, dass seit dem ersten grossen Attentat im Jahr 1999 – das Michael Moore zum Dok-Film «Bowling for Columbine» bewog – an 170 Schulen Shootings stattfanden und dass etwa 150'000 Jugendliche solche traumatischen Szenen selber erlebt haben.

In den USA glaubt kaum jemand daran, dass der Fall Parkland etwas ändern wird. Jeder «Einzelfall» liefert der Waffenlobby Munition für Ablenkungen: Diesmal ist die Bundespolizei FBI schuld, die einen Hinweis aus der Bevölkerung ignorierte, wonach Nikolas Cruz gefährlich sei und auf Youtube ein Schul-Massaker ankündige.

Schweizer stimmen über Verschärfung ab

Auch in der Schweiz gelingt es den Verfechtern eines liberalen Waffenrechts immer wieder, Verschärfungen abzuwenden. Zuletzt 2011 bei der Abstimmung über eine Volksinitiative, die in der Bundesverfassung verankern wollte, dass der Bund «Vorschriften gegen den Missbrauch von Waffen, Waffenzubehör und Munition» erlässt. Das Volk sagte mit 56 Prozent nein.

Voraussichtlich wird es 2019 zu einer weiteren Volksabstimmung kommen: Die EU hat im letzten Jahr das Waffenrecht verschärft. Weil die Schweiz Mitglied des Schengen-Abkommens ist, muss sie nachziehen. Der Vorschlag des Bundesrats zur Umsetzung der EU-Richtlinie wurde in der Vernehmlassung, die vor kurzem zu Ende ging, von «Pro Tell», den Schützenverbänden und von der SVP zerzaust. Sie drohen mit dem Referendum. In der «Nordwestschweiz» sagte der SVP-Nationalrat und Schützenverbands-Präsident Werner Salzmann: «Das Waffengesetz kann zur nächsten grossen Europa-Abstimmung werden, wenn der Bundesrat nicht einlenkt.» Schon im März will der Bundesrat seinen definitiven Vorschlag präsentieren. Die Schützenverbände kritisieren insbesondere, dass Bürger, die halbautomatische Feuerwaffen halten, diese nachregistrieren lassen müssen.

Es ist unschwer vorherzusehen, dass eine Abstimmung äusserst emotional würde. Wie in den USA würde die Waffenlobby in der Schweiz aufs Ganze gehen. «Pro Tell» ist im Aufschwung, die Organisation hat jüngst die Marke von 10 000 Mitgliedern überschritten. Durch den «Cassis-Effekt» sind es jetzt 11 000, und sie avisiert bis Ende dieses Jahres die ehrgeizige Zahl von 20 000 Mitgliedern.

patrik.mueller@azmedien.ch