Dass «National-Mannschaften» um den Titel des Fussballweltmeisters spielen, sei im Zeitalter der Globalisierung ein Anachronismus. Das schrieb die deutsche Zeitung «Die Welt» bei der letzten Fussball-WM vor vier Jahren. 2014 – das war vor Donald Trump, vor dem Brexit, vor der Flüchtlingskrise.

Im Jahr 2018 aber, so scheint es, widerspiegelt der Fifa-Grossanlass die politisch-wirtschaftliche Grosswetterlage geradezu perfekt. Kriselnde Gebilde wie die UNO, die EU, die Nafta oder die G7-Gruppe haben hier keinen Auftritt. Nationen spielen gegeneinander, Nationalhymnen erklingen und Nationalflaggen zieren die Stadien.

Identitätsfragen sind virulent geworden, das zeigen die Kontroversen in multikulturellen Mannschaften: Die Schweiz hatte erst die Doppeladler- und dann die Doppelbürger-Diskussion, Deutschland mühte sich mit dem Fall Özil ab, Schweden mit dem Fall Durmaz.

Ins Bild passt, dass die WM im autoritär regierten Russland stattfindet. Putin nutzt den vierwöchigen Anlass, der am Sonntag mit dem Final Frankreich - Kroatien zu Ende geht, um sich und sein Land der Welt mit Stärke und Stolz zu präsentieren.

Er holt sich damit sogar den Respekt der USA: Donald Trumps Sicherheitsberater John Bolton fragte Putin bewundernd, wie er es geschafft habe, das Turnier derart perfekt zu organisieren.

Der US-Präsident selbst wird Putin am Montag in Helsinki treffen: Es ist ein Gipfel zweier Männer, die nationale Interessen über alles stellen und mit dieser Losung Wahlen gewonnen haben.

10 000 Produkte sind neu mit Strafzöllen belegt

Man erkennt die Hochkonjunktur des Nationalen auch an den Symbolen. In den USA erhob Trump die Nationalhymne und die Flagge zum Heiligtum und verurteilte Football-Spieler, die während der Hymne nicht stehen, als vaterlandslose Gesellen, worauf der Football-Verband einen Stehbefehl für die ganze Liga herausgab.

Derweil verlangt die SVP in ihrem neuen Parteiprogramm, dass die Kinder in der Primarschule die Nationalhymne lernen – in Text wie Gesang.

Symbolpolitik ist das eine, Realpolitik das andere. Den Begriff Handelskrieg las man in den Medien zuerst mit und inzwischen ohne Anführungszeichen. Er begann vor wenigen Wochen scheinbar harmlos, als die USA Strafzölle auf dem Import von gerade mal zwei Produkten erhoben: auf Waschmaschinen und Solarzellen.

Schrittweise weitete Trump die Zölle auf mehr Produkte aus. China und die EU reagierten ihrerseits mit Zöllen auf Importen aus den USA. Nach der Eskalation in dieser Woche sind nun nicht weniger als 10 000 Produkte neu mit Zöllen belegt.

Das «Wall Street Journal» hat 2018 zum Jahr der «Globalisierungs-Umkehr» erklärt. Die Folgen sind beträchtlich. Vor der Globalisierung wurden Produkte mehrheitlich dort hergestellt, wo sie auch verkauft wurden. Danach entstanden globale Wertschöpfungsketten; die Preise sanken und die Auswahl vergrösserte sich, zur Freude der Konsumenten.

Jetzt geht es wieder in die Gegenrichtung: Der Töffhersteller Harley Davidson, der zurzeit aus den USA die Welt mit seinen Rädern beliefert, hat wegen der Zölle entschieden, Produktionsstätten ausserhalb Amerikas zu errichten, also dort, wo sie verkauft werden.

Umgekehrt bauen in den USA Stahlfabriken, die vor kurzem noch darbten, wieder aus, weil der Import von Stahl zu teuer geworden ist.

Was in der Migrationspolitik geschieht, war lange undenkbar

Neben dem Freihandel ist die Migration dasjenige Feld der Politik, auf dem die Wende hin zum Nationalen am deutlichsten ist. Ungarns rechtskonservativer Premier Orbán galt eben noch als Aussenseiter, doch die EU ist an ihrem jüngsten Gipfel kollektiv auf Abschottungskurs gegangen und plant Auffanglager in Nordafrika.

Grenzkontrollen sind auch im Innern des Schengenraums wieder ein Thema. In Italien gewann das Lager der Anti-Establishment-Parteien die Wahlen («Italiener zuerst!»), die neue Regierung schickt ankommende Flüchtlingsboote weg. In Deutschland hat ein Asyl-Streit die Regierung beinahe zum Kippen gebracht – provoziert von einem CSU-Spitzenpolitiker, der den Titel «Heimatminister» tragen darf.

Und in den USA könnte Trumps Mauer zu Mexiko, deren Realisierung eben noch für unmöglich gehalten wurde, durch einen Deal mit den Demokraten tatsächlich finanzierbar werden. Grenzen und Mauern, seit dem Fall des Berliner Originals ausser Mode gekommen, entsprechen knapp drei Jahrzehnte danach wieder dem Zeitgeist.

Doch dieser ist flüchtig. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob es sich nur um eine vorübergehende Globalisierungskrise handelt oder ob das Rad dauerhaft zurückgedreht wird. Entscheidend wird die wirtschaftliche Entwicklung sein: Sollten Zölle und Abschottung zu einer Rezession führen, zum Verlust von Arbeitsplätzen und zu höheren Preisen, könnte der Wind schnell wieder drehen.