In einer aufschlussreichen Analyse über den Arbeitsmarkt hat die Credit Suisse einerseits ein beachtliches Potenzial an brachliegenden Arbeitskräften ausgemacht, während das Beraterunternehmen B,S,S. aus Basel einen stark angestiegen Fachkräftemangel feststellt. Beide Analysen sind vor dem Hintergrund des vor zwei Wochen im Ständerat beschlossenen Pakets zur Unternehmenssteuerreform zu sehen, welches der AHV neu jährlich zwei Milliarden pro Jahr zuschieben will, um im Gegenzug die Steuererleichterung für die Unternehmen durchzubringen. Die einen beurteilen diese Verknüpfung zweier völlig unterschiedlicher Themen als eine Schandtat an der Demokratie, die andern loben den Deal als einen akzeptablen, weil pragmatischen Kuhhandel. Im ständerätlichen Kompromiss hatte sich die SP mit ihrer Forderung durchgesetzt, auf die Erhöhung des Rentenalters für die Frauen von 64 auf 65 Jahre zu verzichten, was in der 2017 abgelehnten Vorlage noch vorgesehen war. Das vom Ständerat beschlossene Gesamtpaket kommt in der Herbstsession in den Nationalrat.

Der Mangel an Arbeitskräften ist ein Dauerthema in der Wirtschaft und er hat weitreichende politische Konsequenzen: Zu starke Einwanderung, Dichtestress, 370 000 Grenzgänger (vor allem im Tessin und in der Westschweiz ein Problem), gedrückte Löhne durch ausländische Arbeitskräfte. Schon lange wird den Industrie- und Dienstleistungsbetrieben vorgeworfen, sie würden das Potenzial an brachliegenden, inländischen Arbeitskräften nicht gebührend nutzen. Ein häufiges Argument der Unternehmen: Ältere Arbeitskräfte seien zu teuer. Lieber stellt man jüngere Ausländer an. Abhilfe wäre möglich, wenn die Unternehmen flexibler wären: Mehr Teilzeitarbeit und Jobsharing zulassen, projektbezogene Jobs vergeben – für all dies wären insbesondere ältere Arbeitnehmer zu haben, denen im Übrigen auch klar ist, dass sie in Konkurrenz mit Jüngeren stehen und Lohneinbussen in Kauf nehmen müssen.

In ihrer Arbeitsmarktanalyse stellt die Credit Suisse fest, dass 837 000 Personen in der Schweiz entweder mehr oder überhaupt arbeiten würden, sei es, weil sie ohne Job sind oder aber ihr Teilzeitpensum gerne erhöhen würden. Interessant ist, dass die Ökonomen der CS das Altersspektrum ihrer Analyse auf die 15- bis und 74-Jährigen ausgedehnt haben, also neun Jahre über dem heute üblichen Rentenalter für Männer (bzw. 10 Jahre für Frauen).

Damit stossen die Analytiker – vermutlich unbeabsichtigt – die Tür auf für die Wiederaufnahme der Debatte um ein höheres Rentenalter. Bekanntlich wissen wir, dass die AHV in der heutigen Form nur dann langfristig überleben kann, wenn das Rentenalter erhöht wird. Der im Ständeratspaket enthaltene AHV-Zuschuss von zwei Milliarden Franken jährlich löst das AHV-Strukturdefizit nur bis zum Jahr 2030.

Der bereits hohe Arbeitskräftemangel nimmt laufend zu, seit die ersten Babyboomer ins Pensionsalter gekommen sind (Tendenz stark steigend). Schätzungen gehen davon aus, dass in zehn Jahren rund eine halbe Million Fachkräfte fehlen werden. Deshalb gilt es, das einheimische Potenzial besser auszuschöpfen. Der wirksamste Weg ist die Erhöhung des Rentenalters.

Interessanterweise waren viele Frauen bei der letzten Vorlage mit der Erhöhung des Rentenalters auf 65 einverstanden, am Schluss wurde sie auch von der SP bejaht. Es ist deshalb nicht einzusehen, weshalb nicht auch die Männer einer Erhöhung auf 66 zustimmen würden. Fakt ist, wir werden alle älter; gerade die Schweizer Bevölkerung weist eine der höchsten Lebenserwartungen in Europa aus.

Eine gemeinsame Erhöhung für Frauen und Männer um je ein Jahr würde die bestehende frauenfreundliche Differenz aufrechterhalten (wir Männer sind ja Gentlemen), die Erhöhung wäre so geschlechtersolidarisch. In Deutschland steht das Rentenalter aktuell auf 65 Jahren und sechs Monaten (für beide Geschlechter) und wird bis 2024 auf 66 und bis 2031 auf 67 Jahre erhöht. Zu Volksaufständen ist es deswegen nicht gekommen. Die Erhöhung um ein Jahr hätte eine doppelt positive Wirkung: Der Arbeitskräftemangel würde etwas eingedämmt, der Dichtestress würde leicht reduziert und vor allem würde die AHV entlastet. Selbstverständlich sind Frühpensionierungen weiterhin möglich, die Flexibilität wäre also gewährleistet. Es brauchte einfach etwas politischen Mut, das Tabu der Rentenaltererhöhung aufzubrechen.

Der Autor ist Betriebsökonom HWV. Er war Chefredaktor («Cash», «Aargauer Zeitung») sowie Gastgeber der TV-Sendung Cash-Talk. Heute ist er Partner bei der Kommunikationsagentur GMRZ und unterstützt Unternehmen und Führungspersönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit.