Man stelle sich vor: Wir sind im Jahr der eidgenössischen Wahlen. Ein Film ist Kassenschlager der Saison. Schauplatz ist das Bundeshaus. Ein fiktiver Thriller. «The Parliament» oder «Inside Power» könnte er heissen. Es geht um heimliche Lobbyarbeit, Korruption, um Machtspiele. Die Rollen von Gut und Böse sind klar verteilt. Und – jetzt kommt es: jedem Zuschauenden ist klar, welcher Politiker und welche Partei zu den jeweiligen Rollen gehören. Der Übeltäter, die Verräterin, der Egomane, der Bösewicht. Sie alle erinnern an konkrete Parlamentarierinnen und Parlamentarier, die zur Wahl stehen. Zwar steht im Abspann, dass dies eine fiktive Geschichte sei, Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen und Gegebenheiten seien rein zufällig. Doch das ist egal. Der Film zeichnet ein mit der Wirklichkeit eng verbundenes Bild.

Sie denken: Unsinn, so was ist unmöglich. So was ist einer Demokratie unwürdig. Sie denken: Hier würden Juristen einschreiten. Nun, vielleicht, aber nicht unbedingt. Schliesslich halten wir die Meinungsfreiheit hoch, auch die künstlerische Freiheit. Aber darum geht es mir hier nicht. Das hypothetische Beispiel zeigt, dass Fiktion und Realität Grössen sind, die sich unter Umständen beeinflussen können. Zwar ist nicht neu, dass Unterhaltungsfilme durchaus Wirklichkeitsbilder hervorrufen können, die Bürgerinnen und Bürger erreichen, aber in besonderem Masse gilt das für Zeiten, wo längst nicht mehr nur die Leitmedien, die Familien, der Stammtisch Quellen für politische Information sind. Es kommen neue Player hinzu.

Staatsoberhäupter wollen Netflix verklagen

Das zeigen aktuelle Beispiele. In Brasilien polarisiert eine Netflix-Serie über den gigantischen Geldwäscherei-Skandal. Während der juristischen Aufarbeitung im Land startete eine hochspannende Serie, die den Präsidentschaftskandidaten Lula und seine Entourage als korrupte Elite darstellte. Lula drohte mit Klagen, Dilma Roussef (die in der Serie auch schlecht wegkommt) sprach von Lügen, und unter dem Boykottaufruf #DeleteNetflix protestierten die Lula-Anhänger. Auch auf den Philippinen sorgt eine Serie über den blutigen Anti-Drogen Krieg von President Duterte für Zündstoff. Regie führt notabene ein bekennender Duterte Unterstützer. Unterminiert das den politischen Prozess? Ist das Politik als Unterhaltung für die Massen getarnt? Umgekehrt kann man sagen, wo liegt das Problem, wenn die Serienbranche auf packenden Politstoff setzt? Fakt ist: Diese beiden Beispiele zeigen, wie Unterhaltungs-Serien der Streamingdienste ein immer ernster zu nehmender Faktor geworden sind.

Unterhaltung als Hebel für politische Meinungsbildung

Genau vor diesem Hintergrund ist wohl auch die Ankündigung der Obamas zu lesen, künftig für Netflix Inhalte zu produzieren. Dass Obama von allen Beschäftigungsmöglichkeiten wählt, Filmproduzent zu werden, hat vermutlich wenig damit zu tun, dass er nun Tierfilme realisieren will. Nein. There ain’t not business like show business. Selbst Politik lässt sich so an die breite Öffentlichkeit bringen. Netflix hat etwa 120 Millionen Abonnenten, rund die Hälfte davon in den USA. Massentaugliche Unterhaltung also als Hebel für die politische Meinungsbildung. Ob die Obamas damit ein Gegengewicht zu Trumps Politik zu bilden versuchen, ist natürlich nicht gesichert. In diplomatische Watte gepackt, heisst es in der Mitteilung nur, die Obamas möchten das Verständnis zwischen den Menschen weltweit fördern.

Man darf also zumindest davon ausgehen, dass die Obamas Einfluss auf die Zivilgesellschaft ausüben wollen. Und sie haben die Wirkungsmacht neuer Plattformen erkannt. Es geht nicht nur um die Macht des Geschichtenerzählens, sondern um die Macht der demokratischen Meinungsbildung, indem man gute Geschichten erzählt. Statt nüchtern, klassische Nachrichtensendungen, ein Touch Hollywood. Die Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln. Ich sage nicht, man sollte das nicht schauen. Auch ich tu das. Aber als Bürgerinnen und Bürger gilt es, zu fragen, wer steckt hinter einem Unterhaltungswerk? Wer hat ein Interesse, politische Ereignisse in ein bestimmtes Licht zu rücken? Es ist zwingend, eine gesunde und kritische Distanz zu entwickeln zu dem, was wir auf dem Sofa konsumieren. Abgesehen davon ist für mich echte Politik auch ohne popkulturelle oder cineastische Entertainment-Verkleidung packend. Eine übrigens, mit unendlichen Seasons.