Was ich mag: Fragen zum Thema Liebe und Sex und die Antworten darauf in hiesigen Zeitungen lesen. Weil sie vieles an den Tag legen: Die Fragen zeigen, was Leute, die ich nicht kenne, über Sexualität nicht wissen und gerne wissen würden («Wann wollen Frauen Sex?», «Sind meine Ansprüche zu hoch?» oder «Wie schaffe ich es, dass eine Frau kommt?» etwa). Die Antworten auf die Fragen dieser Art sind meist noch interessanter. Denn sie funktionieren wie Gradmesser unserer Gesellschaft, die bei aller Freizügigkeit alles kann und nichts muss – aber irgendwie eben doch alles können muss. Was also darf, soll, muss man denn nun?

Aus der Täterperspektive

Die Frage «Warum verlieren Männer nach dem Sex oft das Interesse?» las ich kürzlich. Die Antwort versprach interessant zu werden, musste sie doch zwingend die Unterschiede zwischen männlichem und weiblichem Sexualverhalten aufzeigen – die es wissenschaftlich bewiesen gibt. Die aber, werden sie effekthascherisch erklärt, nicht selten auf einem überholten Rollenbild aufbauen (Männer wollen Sex, Frauen wollen Liebe!).

Ein Mann gab Antwort auf die Frage. Was gut ist, denn ein Mann könnte das Phänomen des Nicht-mehr-Meldens immerhin aus der, sagen wir mal, Täterperspektive kennen. «Was habe ich falsch gemacht, dass er sich nach dem zweiten Mal Sex nicht mehr meldet?», wollte also eine Leserin vom «Experten für Lebensfragen», wie sich der Mann in der Zeitung ausweist, wissen.

Um die Antwort abzukürzen: Die Frau, mit der sich der Angebetete nach ein paar Mal Sex nicht mehr treffen wollte, habe sich «zu billig» verhalten. Sie habe ihn zu schnell «rangelassen» und sich darum uninteressant gemacht. Schneller Sex sei für Männer schliesslich auch ein leichtes Spiel, würden bei Frauen ein Drink und zwei Komplimente reichen, um «Vernunft und Unterwäsche fallen zu lassen».

Schneller, als sie das Höschen wieder an hat


Soweit, so abgegriffen. Dass es okay ist, schon nach dem ersten Date, nach dem zwanzigsten oder vielleicht ja auch gar nie Sex miteinander zu haben, ist hoffentlich vielen klar. «Leicht zu haben» zu sein würde jedoch laut Lebensfragen-Experte noch immer vielen Frauen einen Strich durch die Liebes-Rechnung machen. Denn Männern dürfe man es nicht zu einfach machen, sonst gehe der Reiz einer Frau ruckzuck und schneller, als sie sich das Höschen wieder anziehen kann, verloren.

Besser also, wir greifen auf das Steinzeit-Modell zurück: Männer muss man jagen und erlegen lassen, und zwar Rehe, die sich nicht abschussbereit und mit den Hinterläufen wedelnd vor die Flinte stellen, sondern schüchtern hinter einem Baum verstecken. Oh je! Diese Antwort zementiert eine Ordnung, an die wir spätestens mit der Erfindung und allerspätestens mit der Etablierung der Pille nicht mehr glauben sollten. Männer sind nicht krude Wüstlinge, Frauen keine hilflosen Opfer, und erst recht nicht «billig», wenn sie Sex mit einem Mann wollen.

Bindungshormon, bitte!

Wie ich das handhabe, so von wegen warten bis zum ersten Sex und so? Ich warte nicht. Jedenfalls nicht künstlich. Denn es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass der erste intime Kontakt direkte Auswirkungen auf den weiteren Verlauf der Beziehung hat, das bewies sogar eine Studie einer amerikanischen Uni. Sex, nahe am Zeitpunkt des ersten Kennenlernens, schafft Nähe, da das Bindungshormon Oxytocin beim Sex ausgeschüttet wird und uns glücklich macht. Wenn ich mich absichtlich rar mache, bin ich nicht ehrlich. Und wen soll er kennenlernen: einen gestellt unnahbaren Abklatsch meiner selbst oder tatsächlich mich?

Übrigens: Der einzige Mann, der mich für meine spontane Lust je verurteilte, ihn sah ich nie wieder. Weil ich mich nicht mehr bei ihm meldete.