Am Tag, an dem ich auf der Bundeshausredaktion der «Nordwestschweiz» zu arbeiten begann, gab es ein Thema. Die Masseneinwanderungsinitiative (MEI) der SVP, die drei Monate später zur Abstimmung kommen sollte. Das war im November 2013. Obwohl man wusste, dass die grösste Partei des Landes – einmal mehr – den Nerv der Bevölkerung getroffen hatte und die Kritik an der Zuwanderung und deren mutmasslichen Begleiterscheinungen unerwartet salonfähig geworden war, ging man zu jenem Zeitpunkt davon aus, dass die Initiative an der Urne dann schon scheitern würde. Zu breit war die Phalanx der Gegnerschaft, zu grosse Mittel konnte sie in den Abstimmungskampf stecken. Vor allem war der bilaterale Weg zuvor mehrfach bestätigt worden.

Es kam bekanntlich anders. Das Ja zur MEI war zweifelsohne die Zäsur, welche die politische Schweiz in den vergangenen Jahren am meisten prägte. Nicht nur, weil sie aufzeigte, wie polarisiert die Schweiz war (und weiterhin ist). Auch weil sie Folgen zeitigte, die weit über das eigentliche Ereignis hinausgehen. Denn die nicht buchstabengetreue Umsetzung der MEI durch das Parlament weckt in Teilen der Bevölkerung den Eindruck, dass ihr Votum nicht respektiert wird. Die SVP schlachtet diesen Umstand publikumswirksam aus («Verfassungsbruch»), verschweigt dabei aber naturgemäss, dass sie es war, welche die Konsequenzen einer «harten» Umsetzung – der Bruch mit der EU – zuvor nicht schlüssig aufgezeigt hatte.

Führt dieser Unmut dazu, dass Abstimmungen künftig vermehrt dazu benutzt werden, um «ein Zeichen» zu setzen, ist dies für die Demokratie Schweizer Prägung brandgefährlich. Das gilt insbesondere dann, wenn ein Volksbegehren wie die vorliegende No-Billag-Initiative glasklar formuliert ist und dem Parlament im Falle einer Annahme kaum Handlungsspielraum lässt. Dass ein derart radikales Anliegen erstaunlich hohe Sympathiewerte geniesst, hat auch mit dem Verdruss der MEI-Unterlegenen zu tun.

Der Röstigraben, wiedergeboren

Das prägendste Politereignis der vergangenen Jahre hat uns auch ein anderes, zeitweise vergessenes Spannungsfeld in Erinnerung gerufen: Das Verhältnis zwischen der Deutschschweiz und der Romandie. Der 9. Februar 2014 war sozusagen die Wiedergeburt des Röstigrabens. Nach dem «Höhepunkt» des gegenseitigen Unverständnisses, der EWR-Abstimmung von 1992, näherten sich die beiden Landesteile politisch an – bedingt auch dadurch, dass sich die einstige EU-Begeisterung im Westen deutlich abkühlte. Nicht zum ersten Mal im vergangenen Jahrzehnt, aber auf einschneidendste Weise, wurde die Romandie bei der Masseneinwanderungsinitiative von der Deutschschweiz und vom Tessin überstimmt. Sogar innerhalb der zweisprachigen Kantone Freiburg und Wallis deckte sich das Votum mit der linguistischen Zugehörigkeit.

Eine Überraschung war dies nicht, zeigen Abstimmungen zu Fragen der Migration, des Sozialstaats oder der Beziehungen zum Ausland doch regelmässig, dass wir politisch unterschiedlicher ticken, als uns bewusst ist. Das Klischee von der «staatsgläubigeren» Romandie ist zwar abgedroschen, behält bei gewissen Themenfeldern aber seine Gültigkeit. Als die nationale Einheitskasse – gegen den Willen der vereinten Westschweiz – an der Urne scheiterte, preschten welsche Gesundheitsdirektoren mit Ideen für kantonale Kassen hervor. Am 4. März stimmt die Waadtländer Bevölkerung über eine obligatorische Zahnversicherung ab – eine Schweizer Premiere. Und wenn gleichentags die No-Billag-Initiative zur Urne kommt, ist jetzt schon klar, dass sie in der Romandie auf deutlich mehr Ablehnung stossen wird als ennet der Saane.

No Billag wird zeigen, wie stark die Solidarität zwischen den Landesteilen spielt – schliesslich hätten es private Medienangebote in der lateinischen Schweiz deutlich schwerer als in der publikumsstärkeren Deutschschweiz. Die aktuelle Debatte zeigt aber auch exemplarisch, wie wenig wir uns über die Sprachgrenzen hinweg kennen. Hand aufs Herz: Haben Sie am Radio oder Fernseher schon mal RTS eingeschaltet? Wenn schon, ist das Zusammenleben zwischen deutscher und französischer Schweiz mehr wohlwollendes Nebeneinander als passioniertes Miteinander. Die wohl eindrücklichste Zahl dazu lieferte 2016 die Forschungsstelle Sotomo: Demnach reisen lediglich 37 Prozent der Deutschschweizer mindestens einmal jährlich in die Romandie (umgekehrt sind es immerhin 63 Prozent). Satte 14 Prozent schafften es in ihrem Leben noch gar nie über die Sprachgrenze. Die Schlussfolgerung, dass manche Mitbürger die Küste Thailands besser kennen als die Riviera des Lac Léman, ist nicht sehr gewagt.

Ein Wesensmerkmal der Schweiz

Es gibt in der Schweiz eine Vielzahl von Divergenzen und manche mögen in ihrer Bedeutung mindestens so gewichtig sein wie der Röstigraben. Man denke etwa an den Stadt-Land-Graben, der sich bei Abstimmungen zuverlässig reproduziert. Dass sich das gegenseitige Unverständnis auch entlang der Sprachgrenze manifestiert, ist für ein Land, das sich als Willensnation versteht, zumindest schade.

Dabei könnten wir voneinander einiges lernen – sprachlich, kulturell und vielleicht auch politisch. In Zeiten der allgegenwärtigen Berieselung durch amerikanische Sprache, Technik und Kultur bedarf es eines besonderen Efforts, sich für die eigenen Nachbarn und deren Eigenheiten zu interessieren. Aber er lohnt sich, gerade auch in bildungspolitischer Hinsicht. Allzu leichtfertig wird bei der aufgeladenen Diskussion rund ums Frühfranzösisch der nationale Zusammenhalt zugunsten von ökonomischen Interessen geopfert. Sprachliche Vielfalt ist ein Wesensmerkmal der Schweiz – sie will aber gepflegt sein.

Entsprechend begrüssenswert ist, dass potenzielle kantonale Abweichler angesichts der bundesrätlichen Drohkulisse einlenkten. Und vergessen wir nicht: Die Zeiten, als die Romandie wirtschaftlich hinterherhinkte, sind vorbei. Ab der Jahrtausendwende wies sie ein konstant höheres Wirtschaftswachstum als die Deutschschweiz auf. Der Arc Lémanique ist – zusammen mit den Ballungsräumen Zürich und Basel – das ökonomische Powerhouse der Schweiz.

In diesem Sinn: Sagen Sie Ihren studienwilligen Kindern, dass die EPFL in Lausanne zu den renommiertesten Hochschulen Europas gehört! Fragen Sie Ihren Chef, ob er nicht mal unkompliziert einen zweiwöchigen Austausch mit der Filiale in Genf organisieren könnte! Gönnen Sie sich an einem freien Wochenende ein Glas Chasselas im Lavaux – mit Blick auf den einzigen See der Schweiz, der mächtig wie ein Meer wirkt! Oder um es mit dem Refrain der jurassischen Hymne zu sagen: «Unissez-vous et donnez-vous la main!»

Mit diesem Artikel verabschiedet sich Antonio Fumagalli von unseren Lesern. Wir wünschen ihm viel Freude bei seiner neuen Aufgabe als Westschweiz-Korrespondent der NZZ.