Tupfgenau in 16 Wochen feiern wir Heiligabend.

Weil wir als pflichtbewusste Menschen alles zeitig erledigen, wollen wir es darum nicht unterlassen, schon heute einen Wunschzettel zu schreiben – nicht an den Weihnachtsmann, dessen Anschrift mir ohnehin gerade entfallen ist.

Ich hätte stattdessen einen Wunsch an die hiesigen Politiker.

Wobei noch anzufügen wäre: Zwischen dem Weihnachtsmann und den Politikern gibt es gar nicht so grosse Unterschiede.

Beide sind sie ein Phantom, das man nur bei ausgewählten Anlässen sieht: Die Politiker meist bei irgendwelchen von uns Steuerzahlern bezahlten Pflicht- und Vergnügungsterminen. Und den Weihnachtsmann entdeckt man in der Adventszeit als Dekorationsmodell an Hauswänden oder in der Werbung, wo er rührselig den Gutmenschen gibt – und somit auch wieder den Politiker klont, der stets bestrebt ist, seine Klientel zu bescheren.

Ich würde also auf diesen Wunschzettel notieren: Schenkt mir bitte Politiker, die das, was sie versprechen, auch tun.

Diesen Sommer erfuhren wir von einem Plan, der die (allermeisten) Fricktaler Grossräte nämlich wie mit Gschänklipillen vollgestopft in Trance versetzte:

Das Fricktal soll ein Gymnasium erhalten!

Der Aargauer Bildungsdirektor, ein Mann aus Oeschgen, also einer von uns, dieser Alex Hürzeler liess wissen, dass er nun wieder in die Bildung investieren will.

Bei einer der beiden neuen geplanten Mittelschulen weiss der Herr Regierungsrat auch schon, wo sie stehen soll: im Frickgau, pardon, dem Gebiet, das 1799 von fremden Fötzeln aus Frankreich dem habsburgischen Kaiserreich entrissen wurde, 1802 als eigenständiger Kanton etabliert und schon ein Jahr später von Napoleon mit der Mediationsakte zum Kanton Aargau gezimmert wurde: Ein von Anfang an fleckiges Konstrukt, das sich durch stark unterschiedliche gesellschaftliche, wirtschaftliche und konfessionelle Gebiete auszeichnet.

In diesem Aargau, wir wissen und leben es, ist alles überall ein bisschen anders.

So sind wir, als Restposten aus der Konkursmasse der alten Eidgenossenschaft, auch heute noch in erster Linie Zuzger, Etzger, Wiler, Rheinfelder, Kaister oder Helliker, also Fricktaler. Dann sind wir Schweizer. Vielleicht Habsburger. Und irgendwann, wenn’s gar nicht mehr anders geht, auch nochli Aargauer.

So steht auch das vorgezogene Weihnachtspräsent des Fricktalers Hürzeler in dieser Logik: Nur klar, dass er in seiner ureigenen Heimat eine Kantonsschule bauen will.

Nun wissen wir aber, dass Alex Hürzeler, auch wenn er in diesem Jahr als Landammann quasi Chef der Regierung ist, nicht nach eigenem Gusto befehlen kann, wo die beiden Kantonsschulen gebaut werden. Aber eben: Auch Hürzeler ist wahrscheinlich zuerst Fricktaler. Dann Schweizer. Und erst dann Aargauer.

Oder doch nicht?

Vielleicht setzt der Herr Bildungsdirektor mit seinem Plan für eine Fricktaler Mittelschule ja auch zum Todesstoss des Berufsbildungszentrums Fricktal (BZF) an, den die entzückten Politiker im Freudentaumel noch gar nicht realisiert haben – mit Ausnahme des Grünen Andreas Fischer aus Möhlin. Er liess verlauten, es könnten allenfalls bei einem allfälligen Gymnasium Synergien mit dem Berufsbildungszentrum Fricktal (BZF) geschaffen werden – sprich: Es brauche das eine wie und für das andere.

Wir erinnern uns: Es gab vor nicht allzu langer Zeit eine Idee aus Hürzelers Departement, just dieses BZF dichtzumachen. Ich habe mich dagegen gewehrt, weil ich der festen Überzeugung bin, dass wir im Fricktal als die am stärksten prosperierende Region im Kanton weiterhin zentrale Leistungen anbieten müssen – vorab im Bereich der beruflichen Bildung.

Wir brauchen also in erster Linie nicht mehr Gymnasien (und spätere Akademiker), sondern müssen alles tun, um die Berufslehre und deren Schulen und die nachfolgenden Fachhochschulen zu stärken. Wir brauchen Handwerker, wir brauchen Berufsleute, wir brauchen Fachkräfte.

Und vor allem, und auch dafür plädiere ich nicht zum ersten Mal: Es braucht, quer durch alle Parteien eine im oberen wie im unteren Fricktal einvernehmliche und abgestützte Vorstellung, wie sich diese Region entwickeln will.

  • Wo und wie differenziert sich das Fricktal im Standortwettbewerb?
  • Was tut das Fricktal im Bemühen um Talente, neue Jobs, Disziplinen und Innovation?
  • Wie schafft das Fricktal die Balance zwischen Arbeit und Freizeit, die Verträglichkeit von Industrie und Umwelt, die Vereinbarkeit von Ursprung und Zukunft, den Spagat zwischen Erneuerung und Tradition?

Wenn dem Regionalplanungsverband Fricktal auf seiner Website zum Thema Bildung nicht mehr einfällt als eine kommune Aufzählung der Schulen, so ist dies am Einzelfall illustriert nicht ein besonders ermutigendes Zeichen, dass man sich um eine zukunftsgerichtete Strategie bemüht, die eines begriffen hat: Bildung ist der Rohstoff der Schweiz und Ausbildung auf allen Ebenen unser Kapital der Zukunft.

Will der Aargauer Bildungsdirektor Hürzeler also dieses Gymnasium im Fricktal und die dafür nötige politische Mehrheit, so muss dafür etwas rausspringen: ein Kuhhandel, der nicht den Todesstoss für das BZF bedeutet, sondern, wie es der grüne Grossrat Fischer antönt, eine weitreichende Garantie für ein ausgebautes Berufsbildungszentrum – und ich darf gerne daran erinnern, was die seinerzeit amtierenden Grossrätinnen und Grossräte dazu vor ziemlich genau zwei Jahren nach der Debatte um die Zukunft der Aargauer Berufsschulen verlauten liessen: «An uns kommt man nicht so leicht vorbei. Selbstverständlich werden wir uns auch weiterhin mit vereinten Kräften für ein starkes BZF einsetzen.»

Womit wir wieder am Anfang wären: Schenkt mir bitte Politiker, die das, was sie versprechen, auch halten! Politiker, die Ziele verfolgen, statt bloss vorgespurte Wege zu beschreiten, die weniger jubeln und vielleicht etwas mehr in Zusammenhängen denken:

  • Was, beispielsweise, tun wir mit den absehbaren arbeitslosen Bataillonen an Geisteswissenschaftern mit Universitätsabschluss?
  • Wie steuern wir den akademischen Bedarf in der Wirtschaft und regeln die Sicherstellung von qualifiziertem Personal in Handwerk und Gewerbe?
  • Was nützen uns dereinst die aktuell 660 Fricktaler Mittelschülerinnen und Mittelschüler?

Ein Fricktal mit Zukunft braucht Volksvertreter, die mehr sind als blosse Statthalter ihrer Partei, Botengänger ihrer Klientel oder Mitgänger im Umzug der Gleichgeschalteten. Wir brauchen Politiker, die mit einer ganzheitlichen Vorstellung die Umsetzung eines Planes angehen und sich unbeirrt von der mühsamen Kleinstarbeit nicht vom Ziel abbringen lassen, nachhaltige Entscheide mit langfristiger Wirkung anzustreben.

Und wir wünschen den Tatbeweis dieser Politiker, dass Wort gehalten wird.