Die diplomatische Krise zwischen Nordkorea und den USA ist just dann ausgebrochen, als sich gute Nachrichten aus der Wirtschaft häuften:

  • Der Schweizer Franken hatte sich, zur Freude von Tourismus und Exportwirtschaft, deutlich abgeschwächt, der Kurs stieg erstmals seit Aufhebung der Euro-Untergrenze auf 1.15.
  • Die Hotellerie vermeldete ein stolzes Plus bei den Übernachtungszahlen im ersten Halbjahr. Bereits war von einer Trendwende die Rede.
  • Die Börsen waren auf Rekordkurs, der Swiss Market Index kletterte über die Marke von 9000 Punkten, und in den USA erklomm der Dow Jones ein Allzeit-Hoch.
  • Das Wirtschaftswachstum in Europa zog weiter an, in Deutschland sank die Arbeitslosigkeit auf ein beinahe schweizerisch tiefes Niveau, nämlich unter 4 Prozent. In der Schweiz liegt sie, wie die diese Woche publizierten Zahlen zeigen, bei 3,2 Prozent.

Unberechenbarkeit als Programm

Die positive Wirtschaftsentwicklung ist wegen des Säbelrasselns zwischen Kim Jong Un und Donald Trump nicht notwendigerweise infrage gestellt; noch ist unklar, wie gefährlich die vorerst bloss verbale Eskalation ist. Dennoch, die Verunsicherung ist da, nachdem sich der Franken sofort etwas aufwertete, die Börsenkurse fielen und der Goldpreis stieg. Diese Reaktionen rufen in Erinnerung, wie schnell alles wieder ganz anders sein könnte, als es noch Anfang Woche war.

In diesen Tagen jährt sich der Ausbruch der Finanzkrise zum zehnten Mal. Auch sie kam vermeintlich unvermittelt und hatte drastische Folgen, die sich bis heute zeigen, etwa bei der hohen Staatsverschuldung oder der Jugendarbeitslosigkeit in den betroffenen Ländern. Allerdings war die Ursache damals nicht primär politischer, sondern wirtschaftlicher Natur (übermässige Verschuldung der Haushalte, Preiszerfall der Immobilien, faule Hypotheken). Krisen, die rein politisch oder diplomatisch ausgelöst werden, führen an den Märkten meistens nur zu kurzfristigen Verwerfungen, wie die Vergangenheit zeigt.

Unberechenbarkeit sei «die grösste Waffe eines Staatsmanns», sagte US-Präsident Richard Nixon einst.

Unberechenbarkeit sei «die grösste Waffe eines Staatsmanns», sagte US-Präsident Richard Nixon einst.

Doch jede Krise ist anders, und Prognosen sind in einer Zeit, in welcher der mächtigste Mann der Welt Donald Trump heisst, ohnehin unmöglich. Seine Unberechenbarkeit ist Programm, ganz im Sinn seines Vorbilds Richard Nixon, des US-Präsidenten von 1969 bis 1974, der wiederholt mit dem Gedanken spielte, Atomwaffen zu zünden. Von Nixon ist das Zitat überliefert, dass die Unberechenbarkeit «die grösste Waffe eines Staatsmanns» ist: Verliere er seine Unberechenbarkeit, so verliere er einen Grossteil seiner Macht. Bei Trumps Tweets und seiner «Feuer und Wut»-Rede gegen Nordkorea weiss man nicht, wie ernst sie zu nehmen sind. Entstehen sie aus einer Laune heraus oder aus strategischem Kalkül?

Wettlauf der Provokateure

Wohlgemerkt: Das ursächliche Problem in dieser Krise sind nicht die USA und auch nicht ihr Präsident, sondern Nordkorea und sein Diktator. Kim Jong Un setzt das Überleben des Regimes über alles andere. Sein Selbsterhaltungstrieb lässt ihn hoch pokern: Die Drohung, die US-Pazifikinsel Guam mit Mittelstreckenraketen anzugreifen, hilft Kims Propaganda an der Heimfront. Er zündelt, obwohl ihm die USA noch vor kurzem versichert haben, sie würden in Pjöngjang keinen Regimewechsel anstreben.

Fatal ist, dass der US-Präsident dem Diktator den Gefallen tut, auf die Provokationen einzusteigen. So schaukeln Trump und Kim den Konflikt täglich hoch. Ein irrwitziger verbaler Wettlauf zwischen zwei Egozentrikern. Am Donnerstag sagte Trump, Nordkorea würden «Dinge zustossen, die es niemals für möglich gehalten habe». Und am Freitag twitterte er: «Militärische Lösungen sind nun voll einsatzfähig, geladen und entsichert, sollte Nordkorea unklug handeln.» Indem Trump mit einer Militärintervention droht,pokert auch er hoch: Wenn Nordkorea sein Atomprogramm fortsetzt, wovon auszugehen ist, dann muss Trump entweder tatsächlich einen Krieg beginnen, oder aber er erweist sich als Schwächling, der zurückkrebst, wenn es ernst gilt.

Ein Krieg würde «ein fürchterliches Gemetzel auf der koreanischen Halbinsel» («NZZ») nach sich ziehen. Daran haben weder Nordkorea noch die USA ein Interesse. Rational betrachtet sind Kriegsängste also übertrieben. Aber kann man so sicher sein, wenn die beiden Staaten von Männern geführt werden, die nicht eben vernunftgesteuert erscheinen? Solange der verbale Schlagabtausch weitergeht, wird auch die wirtschaftliche Verunsicherung gross bleiben, wie die Ausschläge an den Finanz- und Devisenmärkten zeigen. Die Schweiz ist mit dem Franken besonders exponiert – dieser wertet sich in globalen Krisensituationen regelmässig auf – wegen seiner Funktion als sicherer Hafen. Die geopolitische und die wirtschaftliche Lage, aber auch jene der Schweiz: Alles ist fragil.

So sieht az-Karikaturist Silvan Wegmann die Woche:

Die Welt schaut gebannt auf die Auseinandersetzung zwischen Trump und Kim.

Die Welt schaut gebannt auf die Auseinandersetzung zwischen Trump und Kim.