Fakten, Fake und Fiktion – davon ist gegenwärtig viel die Rede. Sollte es auch nicht politischer Zweck sein, diese Dinge absichtlich zu verschleiern, so ist das Resultat gleichwohl eine begriffliche Vernebelung. Dazu kann die Literatur durchaus etwas sagen.

«Alles, was du tun musst, ist, einen wahren Satz zu schreiben. Schreib den wahrsten Satz, den Du weisst.» Das sagte Ernest Hemingway zu sich selber, in «Paris, ein Fest fürs Leben», sobald er mit einer Geschichte «nicht in Schwung kam». Einen wahren Satz schreiben – oft gibt es als Schriftsteller nicht Schwierigeres als das. Einen Satz, der Vorgänge, Gefühle, Witterungen, Landschaften beschreibt, wie sie sind.

Sowohl im Kontext der ganzen Geschichte wie im Kontext des gerade Erzählten. Im besten Fall entsteht dabei etwas Allgemeingültiges, in dem sich möglichst viele Leserinnen und Leser wiedererkennen. Dadurch wird das Erzählte zu einer Art von Wahrheit. Eine in ihrer Weise wahre Sicht auf die versteckte Mechanik dessen, was uns Menschen umtreibt, und darauf, wie wir daraus Welt gestalten.

Dafür arbeitet der Schriftsteller, tauscht Worte immer und immer wieder aus, wendet Sätze zigmal hin und her, bürstet sie von hinten nach vorne – so lange, bis sie «wahr» werden. Das ist die tägliche Spracharbeit des Schriftstellers für den Versuch, berührende Fiktion zu schaffen. Die gleiche Akribie aber hat der Schriftsteller für seinen Umgang mit Fakten aufzuwenden. Sind es belegbare nachrecherchierbare Fakten aus der realen Welt, dann müssen sie unbedingt wahr sein.

Sind es Fakten, die sich aus der Fiktion ergeben, sollten sie kraft einer künstlerischen Wahrscheinlichkeit «wahr» werden. Dies trägt entscheidend zur Qualität des «aus der Luft Gegriffenen» bei, stärkt die von der Erzählung selbst geschaffenen Regeln und webt so den Text dichter. Je nach Genre greift der Schriftsteller auch auf Unwahres zurück, das im Text zu Wahrheit wird – oder auch nicht. Je gekonnter er in seinem Text mit wahr und unwahr spielt, desto grösser ist das Vergnügen für die Leser, die sich auf das Geflecht einlassen wollen. Dies ist die Vereinbarung zwischen dem Schriftsteller und den Lesenden.

In einer Demokratie ist die Vereinbarung zwischen den zu Wählenden und dem sogenannten Wahlvolk eine andere. Der zu Wählende legt dem Wahlvolk ein Programm vor, warum er auf bestimmte Weise politisch handelt, im Fall einer Wahl. Das «Warum» beruft sich dabei auf überprüfbare Fakten, woraus sich die Argumentation fürs Programm zusammensetzt. Angereichert wird das Ganze mit ein wenig Prophetie und dem Versprechen, dass die Welt – bei Wahl des Kandidaten – etwas rosiger werde. Eine Prise Flunkerei ist in Ordnung, sie gehört zu diesem Geschäft.

Schaut der Spracharbeiter freilich auf aktuelle Megatrends der Politik, so beschleicht ihn das Gefühl, dass sich gewisse Politiker wieder vermehrt auf seinem Acker tummeln und sich ungeniert aus seiner Trickkiste bedienen. Das Üble dabei ist, dass sie nicht die Absicht verfolgen, ein sprachliches System zu bauen, welches eine Textur der Glaubwürdigkeit schafft, im Gegenteil: Sie scheren sich einen Deut darum. Wahre Fakten wie auch «alternative Fakten» werden wild durcheinandergemischt, gerade so, wie sie dem augenblicklichen Zweck dienen.

Zurzeit setzt uns die Speerspitze dieser Bewegung, der sogenannt mächtigste Mann der Welt, einen Fortsetzungsroman vor, der nur der Bildschirmwelt seines Schöpfers folgt. Eine Fiktion, zusammengeschustert aus Fakten, deren Wertigkeit er genau gleich behandelt, egal, ob sie wahr oder erlogen sind. Da wird ein «Massaker in Bowling Green» erfunden, dort sind alle «Mexikaner Vergewaltiger» oder – auf die Schweiz gemünzt: «Kosovaren schlitzen Schweizer auf».

Schriftsteller tat und tut es weh, mit ansehen zu müssen, wie sich Politiker in der Fiktion vertun. Sie haben dort nichts zu suchen. Das Geschäft, das sie betreiben, ist zu ernsthaft dafür: Es basiert auf einem extrem wertvollen Gut, dem Vertrauensvorschuss von Millionen Menschen.

Was Politiker – egal welcher Couleur – zu tun haben, ist, dass die Summe ihrer Handlungen dazu führt, dass die Wirklichkeit für die Menschen ein bisschen besser wird. Dies ist an und für sich als Job schon schwierig genug. Um den Job richtig zu machen, sollte sich die Politik an die Wirklichkeit halten und den Wählern nichts vorgaukeln. Das Gaukelspiel können die Politiker getrost den Schriftstellern überlassen. Es gehört zu deren Vereinbarung mit den Leserinnen und Lesern. Und nicht zu einer Vereinbarung mit Wählern. Das führte und führt in die Katastrophe. Also: Macht euch vom Acker der Fiktion.