Heute Dienstag, 15. Januar 2019, jährt sich zum vierten Mal die denkwürdige Aufhebung des Mindestkurses und damit verbunden die Einführung der Negativzinsen von 0,75 Prozent. Längst haben wir uns mit diesem, an sich unnatürlichen Vorgang arrangiert und nehmen unaufgeregt entgegen, dass diese Massnahmen gemäss Thomas Jordan, dem Präsidenten der Schweizerischen Nationalbank (SNB), auch weiterhin notwendig seien und auf absehbare Zeit bestand haben sollen.

Es darf der SNB denn auch attestiert werden, dass ihre umsichtige Geldpolitik im Nach- gang der Krise notwendig und angezeigt war. So ist es alles andere als selbstverständlich, dass die Schweiz, im Gegensatz zur Eurozone und den USA, gut durch die Nachwehen der Finanzkrise kam und lediglich Ende 2008 eine kurze und vergleichsweise milde Rezession verzeichnete. Auch die Ausrichtung der Geldpolitik auf einen erträglichen Euro-Franken-Kurs ist vor dem Hintergrund der enormen Bedeutung der Exportwirtschaft und hier insbesondere des Euroraums zu verteidigen. Allein mit Baden-Württemberg handeln wir gleich viel wie mit China.

Ebenso wenig taugt die grosse Bilanz der SNB für fundamentale Kritik. Die jüngste Mitteilung der Nationalbank von einem absehbaren Verlust von 15 Milliarden Franken im abgelaufenen Jahr 2018 relativiert sich nicht nur aufgrund des vorjährigen Gewinnes über 54 Milliarden Franken. Es ist vor allem der Umstand, dass die Geldpolitik eben gerade nicht auf die Erzielung von Gewinnen ausgelegt sein soll, sondern sich an der Preisstabilität und der wirtschaftlichen Entwicklung orientiert. Im Übrigen kann eine Notenbank im Extremfall ohnehin ihren Auftrag auch mit einem negativen Eigenkapital erfüllen, wie das die tschechische Notenbank zwischen 2002 und 2014 vorexerzierte.

Die Risiken zeigen sich hingegen bei den Zinsen, beim Anlagenotstand und damit insbesondere bei der Fehlallokation des Kapitals. Neben den teilweise enormen Bewertungen am Obligationenmarkt manifestiert sich dies exemplarisch am Immobilienmarkt für Renditeliegenschaften. Als Ironie muss gelten, dass die SNB damit selbst zur Triebfeder ihrer seit Jahren angemahnten Blasengefahr am Immobilienmarkt wird. Insbesondere institutionelle Investoren versuchen, sich mittels Investitionen in Mietobjekte den Negativzinsen zu entziehen, und lassen so das Angebot rascher als die Nachfrage wachsen. Im Jahr 2018 lag die Leerstandquote bei Mietwohnungen schweizweit bei 1,62 Prozent. Für die Spätphase eines Immobilienbooms nicht untypisch, werden insbesondere in peripheren Gebieten zusehends Kapazitäten an der Nachfrage «vorbeigebaut», was Vermieter vermehrt zu Zugeständnissen zwingen wird.

Ebenso wünschenswert wäre eine Normalisierung der Geldpolitik auch vor dem Hintergrund möglicher kommender Krisen. Im Fall eines neuerlichen Abschwungs befänden sich kaum mehr konventionelle Massnahmen im Köcher. Da die SNB aller Voraussicht nach nur im Schlepptau der Europäischen Zentralbank an der Zinsschraube drehen kann, bleibt die grösste Hoffnung, dass sich die Europäischen Währungshüter 2019 endlich zu Zinserhöhungen durchringen können.

Die erhöhte Handlungsfähigkeit der Nationalbanken erscheint insbesondere im europäischen Kontext von vitaler Bedeutung, da kaum von allfälliger Krisenbewältigung seitens der Staaten auszugehen ist. Abgesehen von einigen löblichen Ausnahmen wie Deutschland haben die europäischen Staaten auch zehn Jahre nach der Finanzkrise ihre wirtschafts- und fiskalpolitische Handlungsfähigkeit immer noch nicht zurückgewonnen.

Ökonomisch scheinen die Voraussetzungen 2019 hierfür gegeben. Zwar ist die Euphorie von Anfang letztem Jahr verflogen und wir steuern auf eine Wachstumsabkühlung zu, dennoch dürfte die Eurozone mit rund 1,8 Prozent leicht über ihrem langjährigen Potenzial wachsen. In Verbindung mit einer kontrollierten und sich nahe der Zielmarke von 2 Prozent befindlichen Inflation scheint der Zeitpunkt günstig. Es ist zu hoffen, dass die Chance beim Schopf gepackt wird, da es unsicher ist, wie lange das Handlungsfenster noch Bestand hat – oder nach Apostel Johannes: «Wirkt, solange es noch Tag ist, es kommt die Nacht da keiner mehr wirken kann.»