Die Ständeräte haben ganz schön was zu tun. Anfang Woche sind die Mitglieder der Umweltkommission im Bundeshaus zusammengesessen. Und haben sich auf eine schwierige Mission begeben. Denn es ist nun an ihnen, die Schweizer Klimapolitik zu retten. Der Nationalrat hat zuvor zwar ein Jahr lang über ein neues CO2-Gesetz gestritten.

Aber am Ende war im Dezember ein totaler Absturz das Einzige, was die grosse Kammer zustande brachte. Die SVP findet sowieso, dass es keine Klimapolitik braucht. Die Linken wollten den kümmerlichen Gesetzesrest nicht, der nach der Verwässerung durch die FDP-SVP-Allianz noch auf dem Tisch lag. Was für ein Trauerspiel.

Jetzt muss der Ständerat also ran, ein Kompromiss ist gefragt. Die Umweltpolitiker müssen dabei ganz schön weit denken. An den Nationalrat und daran, was dort mehrheitsfähig sein wird. Wobei die Kehrtwende der FDP, am Wochenende medienwirksam inszeniert von Präsidentin Petra Gössi, die Aufgabe ein wenig einfacher machen wird.

Doch dann ist da noch das Volk, das am Ende wohl seinen Segen geben muss. Und von diesem kommen gerade ganz schön viele verschiedene Signale. Da sind, seit vielen Wochen schon, die Klimademos, über die gerade so viel geschrieben wird. Sie erwecken den Eindruck, dass etwas in Bewegung geraten ist. Dass die Schweiz grüner wird. Alles Klima also.

Doch da ist eben auch diese Abstimmung vom vergangenen Sonntag. Da stimmten die Berner über ihr neues Energiegesetz ab. Es ging um strengere Vorschriften für Gebäude. Um erneuerbare Energien statt Erdöl und Gas. Also letztlich: Um das Klima, darum, was wir zu seinem Schutz tun wollen, ganz konkret. Die Berner sagten Nein, knapp zwar, aber eben doch Nein.

Sie liessen sich überzeugen von den Wirtschaftsverbänden, von der FDP und der SVP, die vor einer Regulierungsflut gewarnt hatten und steigenden Kosten. In drei Kantonen wurden seit vergangenem Juni über klimafreundlichere neue Energiegesetze abgestimmt. Und damit auch um die Konkretisierung der Energiestrategie 2050. Zwei der drei Kantone sagten Nein. Alles Klima? Eher nicht.

Wie habt ihr es denn nun mit dem Klimaschutz, liebe Schweizer? Die Antwort ist kompliziert, die Widersprüche sind zahlreich. Immer mehr Schweizer bezeichnen den Umweltschutz als wichtige Sorge. Gleichzeitig jetten sie um die Welt, als gäbe es kein Morgen.

Allein zwischen 2011 und 2015 hat die Zahl der zurückgelegten Flugkilometer um mehr als die Hälfte zugenommen. Ein anderes Beispiel: In der Umwelt-Befragung von gfs.bern stossen Klimaschutz-Massnahmen wie etwa verbindliche Vorschriften für den Ersatz von Ölheizungen auf Zustimmung. Wenn sie dann an die Urne kommen, wie zuletzt in Bern, haben sie es schwer.

Kurzum: Wir alle wollen keinen Klimawandel. Doch je näher der Klimaschutz dem eigenen Leben kommt, desto kleiner wird der Wille, tatsächlich etwas zu tun. Das gilt fürs Portemonnaie, aber auch für den Lebensstil. Mal eben nach London fliegen, zum Shoppen? Das liegt schon noch drin. Der Windpark auf dem Lieblingshügel eher nicht.

Im Alpenland Schweiz schmelzen die Gletscher, bröckeln die Felsen. Es bekommt den Klimawandel ganz schön zu spüren. Und irgendwann werden wir Farbe bekennen müssen in der Frage, wie ernst es uns mit dem Klimaschutz wirklich ist. Denn es kommt noch einiges auf uns zu. Schliesslich hat sich die Schweiz zum Pariser Abkommen bekannt. Und damit zu einem hehren Ziel: Bis 2050 muss jedes Land CO2-neutral sein.

Der Weg dorthin ist noch weit, global, aber auch in der Schweiz. Sie ist immer noch ein fossiles Land, das zeigt ein Blick auf ihren Energieverbrauch im Jahr 2017: 34 Prozent davon waren Treibstoffe, etwa Benzin oder Kerosin. 15 Prozent entfielen auf Erdölbrennstoffe, etwa Heizöl. Und 14 Prozent auf Gas. In den nächsten Jahrzehnten muss sich das ändern, anders sind die Ziele gar nicht zu erreichen.

Alles im Ausland zu kompensieren, wie es bürgerliche Kreise am liebsten würden, ist aus zwei Gründen eine schlechte Idee: Einerseits geht das nicht ewig. Und andererseits verpasst die Schweiz so die Chancen, welche die Energiewende mit sich bringt. Es ist unverständlich, dass die grossen Wirtschaftsverbände und bis zum spektakulären Meinungsumschwung auch der Freisinn eine griffigere Klimapolitik primär als Gefahr für den Standort sehen. Man könnte das auch anders angehen. Lustvoller, inspirierter. Besonders in einem Land, das sich gerne Innovationsweltmeisters rühmt.

Für die Zukunft lassen der jüngste Widerstand in den Kantonen und das Gezerre um das CO2-Gesetz nichts Gutes erwarten. Denn das sind gesetzgeberisch kleine Dosen, nur ein Vorgeschmack darauf, was uns noch alles blüht, wenn wir tatsächlich emissionsfrei sein wollen bis 2050. Die Frage nach einer umfassenden Lenkungsabgabe, auch beim Treibstoff, muss zurück auf den Tisch. Sie ist ein liberales Instrument, das jene bestraft, die sich tatsächlich klimaschädlich verhalten. Bisher meidet es die Politik trotzdem wie der Teufel das Weihwasser. Doch ewig auf Zeit spielen, das geht nicht. Denn die Klima-Uhr tickt.