Die Pläne zur Rettung der Welt, die diese Woche präsentiert worden sind, könnten unterschiedlicher nicht sein. Zum einen wäre da die EU, die dem Plastikmüll den Kampf angesagt hat und Einwegprodukte aus Kunststoff wie Becher, Trinkhalme und Wattestäbchen verbieten will. Zum andern erklärte der schwerreiche Amazon-Gründer Jeff Bezos, dass wir so schnell wie möglich die Schwerindustrie auf den Mond verlagern sollen, um die Erde zu schonen.

Ein Verbot von «Plastikröhrli» und ein «Moonshot»-Projekt: Gemeinsam ist beiden Vorschlägen, dass sie auf grosse Kritik stossen. Das Vorhaben der EU sei «kein grosser Wurf», wird moniert. An der Müllplage in den Ozeanen ändere sich dadurch kaum was, der meiste Abfall stamme aus Asien und überhaupt solle man den Umweltschutz umfassend angehen, statt sich bloss um solchen «Schnickschnack» zu kümmern. Als grössenwahnsinnig und unrealisierbar wiederum wurde der Vorschlag von Bezos abgetan. Statt «Science-Fiction-Träume» zu hegen, solle der Milliardär sein Vermögen besser in «konkrete Umweltprojekte» investieren.

Einmal zu klein und einmal zu gross gedacht? – Nein, jeweils genau richtig dimensioniert. Die Kritik ist verfehlt; beide Vorhaben sind gut und wichtig.

Die Idee der EU ist – auch wenn sie für viele überraschend kommen mag – naheliegend und einfach umzusetzen ist. Wegwerfgeschirr muss nicht unbedingt aus Kunststoff sein, es gibt längst Becher und Teller aus Holz und anderen kompostierbaren Materialien. Selbst fürs Plastikröhrli gibts Alternativen: So hat Tetra Pak angekündigt, bis Ende Jahr ihre Produkte nur noch mit Papierhalmen auszuliefern. Solche Materialien bauen sich in der Natur relativ rasch ab, während Plastik dafür Jahrhunderte braucht.

Wer trauert denn heute noch der Glühbirne nach?

Dass man sich von nachteiligen Produkten verabschiedet und auf bessere Alternativen setzt, sobald diese verfügbar sind, ist nur logisch. Vor zehn Jahren verhalf die EU den Energiesparlampen zum Durchbruch, indem sie die altgediente Glühbirne verbot; wenige Jahre später zog die Schweiz nach. So konnte der Strom für Beleuchtung um rund 30 Prozent reduziert werden. Noch grössere Wirkung hatte das Verbot des ozonschädigenden FCKW-Treibgases, das einst für Sprühdosen wie Deos verwendet wurde. Dieser Massnahme vor über 25 Jahren ist es zu verdanken, dass sich das Ozonloch mittlerweile wieder schliesst.

Auf den Verzicht des schädlichen Gases einigten sich 46 Staaten – und zwar lediglich zwei Jahre nachdem das Ozonloch entdeckt worden ist. Beim Plastikmüll holt die EU keine weiteren Staaten an Bord, obwohl es sich genauso um ein globales Problem handelt. Das muss nicht schlecht sein. Warum auf andere warten, wenn man schon jetzt was tun kann? Das hat sich auch der Neuenburger Gemeinderat gedacht und Trinkhalme aus Plastik verboten. Ab 2019 dürfen Restaurants nur noch abwaschbare und kompostierbare Röhrchen verwenden.

Für den Fortschritt brauchts kleine Schritte und grosse Utopien

Einen längeren Zeithorizont fasst Jeff Bezos ins Auge. Hundert Jahre gibt er der Menschheit Zeit, die Schwerindustrie auf den Mond zu verlagern. Realisieren will er das Langzeitprojekt mit seinem privaten Raumfahrtunternehmen Blue Origin und seinem gigantischen Vermögen von 133 Milliarden Dollar; er möchte aber auch die Nasa und die ESA zum Mitwirken überzeugen.

Die Fabriken auf dem Erdtrabanten würden mit 3-D-Druckern aus Mondgestein gebaut, die Energie stammte vom Sonnenlicht, das im Übermass vorhanden ist. Auch Wasser gibt es unter der Mondoberfläche. Ausserdem wertvolle Rohstoffe wie Gold, Platin und das Gas Helium-3, das als wichtige Energiequelle für die Zukunft gilt. Während sich der Mond mit seinen unwirtlichen Lebensbedingungen als Industriezentrum etabliert, entwickelt sich die Erde zum sauberen Wohnviertel. So stellt sich das Bezos vor – und wird natürlich als Spinner abgetan.

Gleich erging es auch den Pionieren, die den Traum des Fliegens realisieren wollten. Wer hätte vor 200 Jahren geglaubt, dass einst jährlich 4,1 Milliarden Menschen in Flugzeugen um die Welt reisen? Und wer hätte vor 50 Jahren gedacht, dass Autos einmal autonom fahren werden? Heute zweifeln immer weniger daran. Die Chancen stehen gut, dass wir in den nächsten zwei Jahrzehnten dank Robotaxis weniger Verkehrstote in Kauf nehmen müssen, Staus verschwinden und die Umwelt massiv entlastet wird. Am Anfang stand eine Spinneridee.

Für den Fortschritt braucht es beides: Kleine Schritte – wie ein Verzicht auf Plastikgeschirr. Und grosse Visionen – wie die Verlagerung der Industrie auf den Mond. Eine Gesellschaft, die sich zu schade ist, die naheliegenden Minischritte zu machen, bleibt stehen. Doch hat sie keine Utopien, dann fehlt es ihr auch an einem Kompass, der die Richtung weist.