Wenn bekannt wird, dass die Untersuchungshaft des ehemaligen CEO der Raiffeisen-Bank verlängert wird, so resultieren daraus ungezählte Medienbeiträge. Wenn in der gleichen Woche bekannt wird, dass einer der wichtigsten Chefposten in der Schweiz auf Ende Jahr unerwartet frei wird, nämlich die des ETH-Präsidenten, ist das vielen Medien nur eine Vollzugsmeldung wert. Lino Guzzella trete nicht zu einer zweiten Amtsperiode an.

Die Raiffeisen-Gruppe ist eine systemrelevante Bank mit für die Schweiz entsprechend volkswirtschaftlicher Bedeutung. Die ETH hingegen beachtet man in der ganzen Welt. Sie figuriert in den Rankings, die ernst zu nehmen sind, sehr weit oben. Vor sechs Jahren lag sie auf Platz 15, heute auf Platz 10. Alle Hochschulen vor ihr haben privatrechtlichen Status. Die ETH ist massgeblich dafür verantwortlich, dass die Schweiz als eines der innovativsten Länder weltweit gilt.

Lino Guzzella übernahm das Amt vor gut drei Jahren von Ralph Eichler. Dieser führte die Institution während zweier Amtsperioden zurückhaltend, seine Amtsführung gab kein einziges Mal Grund für eine Schlagzeile. Er und sein Nachfolger Guzzella können nicht unterschiedlicher sein: Guzzella, schweizerisch-italienischer Doppelbürger, ist gegen aussen äusserst präsent, eloquent, deutlich, angriffig, verkauft «seine» ETH auch bei den Unternehmern nicht zuletzt dadurch, dass er deren Denkweise hinterfragt und die CEOs und Verwaltungsratspräsidenten immer wieder provokativ fordert. Sein Temperament zeigt sich wohl am besten am neuesten Trailer der ETH, der nun auch auf Chinesisch übersetzt wird: witzig, innovativ, rasant schnell, unkonventionell und frech. Aber wenn man so auftritt, dann stösst man schnell einmal auf Widerstand.

Vor allem auch intern. Die selbstbewusste Professorenschaft war sich nicht gewohnt, einen so forschen Präsidenten an der Spitze zu haben. Anstatt aber der Person, der sie Kritikunfähigkeit vorwarfen, mit offenem Visier zu begegnen, gingen sie klandestin vor, wandten sich an die willigen Medien, welche die Kritik dankbar aufnahmen, sich auf «anonyme Quellen» berufend.

Der Einzige, der seine Kritik auch öffentlich äusserte, war Wilfried van Gunsteren. Der emeritierte Professor war bis im März Ombudsmann an der ETH. Die Schulleitung wollte seinem Wunsch auf eine zweite Amtsperiode nicht entsprechen.

Auch die «NZZ am Sonntag» übte Kritik – aber ohne sie an konkreten Beispielen zeigen zu können: Guzzella sei die Art, wie er Krisen managte, zum Verhängnis geworden. Er zeige Verhalten, das intern schon vorher für Widerstand und Frustration gesorgt habe, nämlich eine Mischung aus Micro-Management und Angst vor Kritik.

Der ETH-Präsident müsse aber über einen hohen Grad an Empathie, Authentizität und offener Kommunikation verfügen. Lino Guzzella mag mit seiner Art durchaus anecken; ihm aber fehlende Empathie oder Authentizität vorzuwerfen, ist lächerlich, wenn man ihm im direkten Gespräch, in grösseren Runden auf (auch ETH-internen) Podien, an Vorträgen oder Unternehmerdiskussionen erlebt.

Vordergründig wurde Lino Guzzella zum Verhängnis, dass er beim erwiesenermassen gravierenden Mobbing-Fall durch eine Professorin nicht rasch genug durchgegriffen hatte – zumal es dem Hörensagen nach noch weitere solche Fälle gab. Dass gewisse Professorinnen und Professoren selbstherrlich auftreten und so auf fragwürdige Art und Weise über Karrieren ihrer Untergebenen entscheiden, kennt man auch von der Ärzteschaft in öffentlichen Spitälern: Sie können Assistenzärztinnen und -ärzte durch zweifelhafte Führungsmethoden entscheidend hemmen. Nur wäre es eine Illusion zu glauben, dass das harte Durchgreifen des Oberchefs dieses Gebaren stoppen könnte, indem man ihnen Führungskurse «on the job» verschreibt. Diese «Erziehung» muss früher geschehen.

Ein weiterer Vorwurf der «NZZ am Sonntag» – allerdings auch nicht substanziell belegt – ist, dass Guzzella regiert und nicht moderiert. Fragt sich nur, ob das die entscheidende Eigenschaft eines ETH-Präsidenten sein muss, der seine Institution weiterhin im globalen Umfeld an der Spitze halten will. Patrick Aebischer, der ehemalige Präsident der ETH Lausanne, war jedenfalls das Gegenteil eines moderierenden Präsidenten, hat die ETH Lausanne aber höchst erfolgreich positioniert.

Es ist der bezüglich Innovation viel gerühmten ETH nicht zu wünschen, einen primär «moderierenden» Präsidenten zu wählen und so Gefahr zu laufen, in die Mittelmässigkeit zurückzufallen.