Was hier folgt, ist die Anschauung eines Idioten. Eines Fachidioten. Nicht die Meinung eines Experten. Gelegentlich muss man sich die Freiheit nehmen, auch mal nur den eigenen Kopf zu gebrauchen – diese Wundertüte. Sonst gelingt es der Expertokratie, noch die letzten Denkwinkel zu verkrusten. Respekt vor gründlichem Wissen ist sicher angezeigt, gerade in Zeiten, da sich viele keinen Deut um Fakten scheren. Es stimmt aber auch, dass Experten kein VIP-Bändeli tragen fürs Denken. Noch weniger muss sich die Sprache an ihren Jargon halten.

Worüber hier ein paar Gedanken verloren werden, ist das Thema Shoppen. Der Konsum soll gerade harzen. Ich bin vielleicht kein fröhlicher, aber auch kein missgelaunter Shopper. Nicht mal meine Nasenspitze ragt über jenes «Kundenprofil» hinaus, das Marketingleute, angeblich «in unserem Auftrag», rastlos «individuellen Bedürfnissen anpassen». Am Ende ihrer «Anpassung» sind wir alle gleich. Das ist ein Rest von Skepsis, den ich wahre gegen tolle Ware, ohne mir das Geringste darauf einzubilden. Wo Kundenflüsterer und Marktprofiler Millionen von Daten hochrechnen, liegt individuelle Skepsis, absolut vernachlässigbar, im «Streubereich».

Zu vernachlässigen sind dann aber Konsument und Konsumentin plötzlich nicht mehr, wo sie eine Grenze überschreiten. Brave Shopper grasen gefälligst innerhalb der Landesgrenze! Freie Personenzügigkeit heisst zwar Personen … usw., meint aber Waren, nicht als Personen verkleidete Konsumenten. Vom Kriterium Eidgenoss ganz zu schweigen: Die Landeshymne zu brummeln, statt zu schmettern, scheint mittlerweile weniger hochverräterisch, als jenseits des Rheins Vorrat aufzukaufen wie ein Basarhändler.

Wenn wir dann noch quantitativ, nicht bloss geografisch versagen, wird aus dem stummen Vorwurf rasch auch eine harsche Rüge. Über die jüngste Meldung, dass der Abwärtstrend im Schweizer Detailhandel anhalte, setzte die NZZ den Titel: «Schweizer Konsumenten knausern.» Als wollten wir all denen mal zeigen, wo der Geizhals sein Milchbüechli holt – oder so ähnlich.

Ein Unsinn? Vielleicht längst Wahnsinn. Einige Ökonomen äusserten nämlich angesichts der Entwicklung die Vermutung, die Konsumenten könnten ein ständig sinkendes Preisniveau erpressen. Wie das? Indem wir vor dem Kaufhaus, sozusagen als fiese Schwarm-Verschwörer, mit Kaufverweigerung einfach darauf warten.

Halten wir den Ball flach: Man kann nicht liberalen Handel fordern und gleichzeitig Shopper tadeln, wenn die anders mitspielen als im Powerpoint geplant. Es geht auch nicht mehr bloss um Landesgrenzen. Konsumentinnen und Konsumenten, lesen wir, wandern zunehmend online ab, auf Shopping-Sites. Vor allem, wenn sie Kleider oder Schuhe brauchen. Doch auch bei Lebensmitteln nimmt Online-Shopping zu; die Leute gehen kaum mehr richtig ausser Haus. Das ist Duttis alter Migros-Einkaufswagen, der zu den Kunden fuhr, versetzt in virtuelle Welt.

Das bedeutet, dass die Leute auf das «unvergleichliche Erlebnis Shopping» verzichten. Ohne mit der Wimper zu zucken. Fünfzig Jahre lang, seit es Shopping-Centers gibt, wurden wir mit «Erlebnis» geködert. Verführt, entführt aus den Zentren, an die Peripherie, worauf manche City verödete. Aber auch draussen florierte das Leben nicht nachhaltig.

Um da der Verödung zu entgehen, suchen Einkaufsmeilen heute Mischformen: Wohnen, Freizeit, Fitness … – was zu Ende gedacht etwa wieder jene «Mischform» ergäbe, die einst das Zentrum von Städten prägte. Ähnlich trug man einst Körbe zu Tante-Emma-Läden, brauchte keine Plastiksäcke und hundert Verpackungen – jetzt wieder ein «Megatrend», dem sich Grossverteiler anschliessen. Das Gefühl indes, alles sei ein Treten an Ort, täuscht. Denn da liegt, leblos schmuck, die Potemkinsche City, da ist die Agglo doch zersiedelt.

 Im Leben, heisst es, könne man Irrtümer fruchtbar nutzen. Ob das bei brachialen Irrtümern auch gilt, ist nicht ausgeschlossen. Die Leute, so scheint es, sind ausgenüchtert: Kaufen kühl per Klick, statt im Rausch. Besorgen nur, was sie suchen, statt eine Tonne unnützen Krempel nach Hause zu schleppen.

Selbst für den naiven Shopping-Glauben gibts schlicht zu viele «Paradiese». Wo man aber das Wohl des Menschen im Auge hat, laufen die Geschäfte. Wer auf das Wohl des Menschen achtet, auch wenn er dabei auf seine Börse schielt, muss die Seele verstehen.

max.dohner@azmedien.ch