Da wohl nur eine kleine Minderheit der Leser dieser Kolumne das mutmasslich Ungeheure mitbekommen hat, hier die Kurzfassung dessen, was der «Tages-Anzeiger» diese Woche seitenfüllend beschrieb: Ein Ringier- Mann, stellvertretender Chefredaktor der «Schweizer Illustrierten», ehemals «Blick»-Chefredaktor (sowie zeitweise Mitarbeiter der AZ Medien) habe sich unkorrekt gegenüber Mitarbeiterinnen verhalten.

Nur weil die anonym vorgetragenen Vorwürfe den Mann nicht sympathischer machen, ist das Beschriebene noch kein Skandal. Es liesse sich nun darüber räsonieren, weshalb der «Tages-Anzeiger» nicht einer anderen #metoo-Geschichte nachgegangen ist, die auf ebenso zahlreichen anonymen Quellen beruht und sich in der eigenen Chefetage abgespielt haben soll. Diesen Gerüchten folgte einst eine Ringier-Redaktion. Nach einer mysteriösen Intervention versandete die Recherche.

Die nun erschienene Geschichte sagt aber wohl mehr auch über einen fehlgeleiteten Journalismus als über fehlgeleitete Männer: Zu offensichtlich ist sie unter dem Vorwand der Volks-Aufklärung auf die Maximierung von Aufmerksamkeit getrimmt. Zu krass ist das Missverhältnis von Rechercheaufwand und prominenter Platzierung auf der einen und Bedeutung des Akteurs sowie seines Verhaltens auf der anderen Seite.

Aufmerksamkeit ist ein hohes Gut im Journalismus, wie auch die Skandalisierung einen reinigenden Wert hat. Beides sind jedoch journalistische Sekundärtugenden, was heisst: Sie können die Folge einer Recherche sein, die einen Skandal offenlegt und dadurch Aufmerksamkeit erzielt. Wer jedoch seine Recherche auf die Wirkung trimmt, den Schweizer Weinstein zu outen, soll sich zumindest dazu bekennen, und nicht tun, als sei Aufklärung das Ziel.