Lange Zeit schien es so, als könnten Negativschlagzeilen Facebook nichts anhaben. Egal, ob es um politische Fake News ging, rassistische Hassbotschaften oder den Missbrauch von Nutzerdaten – alles perlte einfach ab. Als Firmengründer Mark Zuckerberg diesen Frühling nach dem Datenschutzskandal im Zusammenhang mit der dubiosen Firma Cambridge Analytica im US-Senat mit Fragen gelöchert wurde, zog er sich so eloquent aus der Affäre, dass während der Anhörung der Aktienkurs stieg und sein Unternehmen am Ende um 20 Milliarden wertvoller war.

Und jetzt das. Am Mittwoch sackte die Aktie zeitweise um 23 Prozent ab, nachdem Facebook die Quartalszahlen bekannt gegeben hatte. Im Nu war das Unternehmen an der Börse 150 Milliarden Dollar weniger wert. Dabei scheinen die präsentierten Zahlen auf den ersten Blick alles andere als schlecht zu sein. Facebook erzielte 31 Prozent mehr (nicht etwa weniger) Gewinn und steigerte den Umsatz im Jahresvergleich um 42 Prozent auf 13,23 Milliarden Dollar. Doch den Börsianern reichte das nicht, prognostizierten die Analysten doch ein Wachstum auf 13,36 Milliarden Dollar.

Mark Zuckerberg hat sich längst auf die Zukunft vorbereitet

Dabei ist eigentlich klar, dass das Wachstum von Facebook einmal abflachen muss. Denn der Umsatz korreliert mit der Anzahl Nutzer – und diese ist zwangsläufig beschränkt. Denn irgendwann sind alle Menschen, die einen Internetzugang haben und sich nicht aus Prinzip Facebook verweigern, Teil des grössten sozialen Netzwerks. Zwar konnte Facebook die Reichweite auf weltweit 2,23 Milliarden Nutzer steigern, doch die Analysten rechneten auch hier mit mehr, nämlich mit 2,25 Milliarden.

Es herrscht bei der jüngeren Generation, die für einen Zuwachs sorgen könnte, schon länger eine Facebook-Verdrossenheit. Teenager kommunizieren bevorzugt auf Whatsapp, Instagram oder Snapchat. Die ersten beiden Dienste hat Facebook bekanntlich vor Jahren schon aufgekauft; und die Funktionen von Snapchat werden systematisch kopiert und in die eigenen Dienste integriert. Zuckerberg hat sich frühzeitig auf einen möglichen Nutzerwandel vorbereitet.

Gerade wenn es um die Zukunft der Kommunikation geht, ist kaum jemand so vorausschauend. Milliarden steckt Zuckerberg in die Entwicklung von Virtual-Reality-Brillen und dafür geeignete Apps. Für den Visionär ist klar, dass die Mehrheit der Menschheit sich früher oder später solche Brillen aufsetzen wird, um sich in computergenerierten Welten zu treffen und sich zu unterhalten. Der Absatz dieser Brillen blieb in den letzten zwei Jahren zwar hinter den Erwartungen zurück. Schlägt die virtuelle Realität aber bei der breiten Bevölkerung an, so ist kein anderes grosses Unternehmen so gut auf diese Entwicklung vorbereitet wie Facebook.

Der Netzwerkeffekt könnte für Facebook zur Gefahr werden

Verunsichern dürfte Mark Zuckerberg lediglich eine Zahl: 279 Millionen. So viele Menschen nutzen in Europa Facebook täglich. Und das sind 3 Millionen weniger als im letzten Quartal. Der Rückgang könnte mit den neuen Datenschutzrichtlinien zusammenhängen, die seit dem 25. Mai in der EU gelten (und die Facebook auch in der Schweiz einhält). Obwohl diese einen besseren Schutz der Privatsphäre gewähren, haben offenbar einige Millionen Nutzer den Richtlinien nicht zugestimmt und sich stattdessen gänzlich von Facebook verabschiedet.

Zeichnet sich hier eine Trendwende ab? Erkennen immer mehr Nutzer, dass sie ihre persönlichen Daten Facebook zu «billig» abtreten und wenden sich deshalb von dem ihnen unsympathisch gewordenen Grosskonzern ab? Zumindest hat Zuckerberg eine Quittung erhalten für den laschen Umgang mit den Nutzerdaten in den letzten Jahren. Entscheidend ist, ob sich die Facebook-Verweigerer auf alternativen Netzwerken zusammenschliessen. Schon länger gibt es offene soziale Netzwerke wie Diaspora, die so organisiert sind, dass die Nutzer die Kontrolle über ihre Daten erhalten und diese von keinem Konzern abgesaugt werden. Bisher konnte sich aber keine dieser Alternativen etablieren. Sobald allerdings eine genug grosse Gruppe sich auf diese Weise verbindet, könnte der Netzwerkeffekt spielen und das Kommunikationsportal ähnlich schnell wachsen wie einst Facebook. Das kann Mark Zuckerberg nicht gefallen.