Nach den besinnlichen Weihnachten und kurz vor dem hoffentlich heiteren Jahreswechsel fragt sich: Wie bringen wir all die guten Vorsätze konkret auf den Boden der Wirklichkeit im neuen Jahr? Beschränken wir uns mal auf die kleine Schweiz, die in Bern ein Parlament mit 246 Mitgliedern unterhält, die im Durchschnitt 52 Jahre alt sind. Aus anthropologischer Sicht ist diese Gruppengrösse mit reifen Menschen geradezu ideal für die regelfreie Selbstorganisation, zumal alle über eine (Aus-)Wahl mandatiert sind und objektiv kein inneres Machtgefälle besteht.

Diese Versammlung hat nun nach der Affäre Yannick Buttet entschieden, für bedrängte Mitglieder eine externe Beratungsstelle mitzufinanzieren. Sie deklariert also offiziell, insgesamt und in den Fraktionen nicht über die nötigen menschlichen Kompetenzen zu verfügen, um Unstatthaftes, Schicksalsschläge oder Ausrutscher Einzelner mit Zivilcourage, Empathie und Kollegialität angehen zu können. Die Exzesse des alkoholkranken Kollegen haben über all die Jahre nicht etwa zum beherzten Engagement aus der Gemeinschaft geführt, sondern werden jetzt im Nachhinein aus Distanz abgehandelt.

Die Kaste der Kontrollierenden

Damit ist auch das Parlament in der Abstraktion und Delegation angekommen. Für den Nächsten ist man offensichtlich auch als gesunder Erwachsener nicht mehr selber zuständig, sondern eine Fachstelle oder schlicht der Staat. Die Polizei muss inzwischen damit leben, dass Punkt 22 Uhr null null die ersten Lärmempfindlichen anrufen und sich über die Nachbarn beschweren, statt dass sie selber dort läuten und mit ihnen im Alltag ein gutes Einvernehmen suchen. An einzelnen Schulen droht die Para-Struktur an Controlling-, Hilfs- und Therapiekräften rund um den Lehrkörper die Kernaufgabe zu ersticken. Ob in Verwaltungen, Spitälern oder Banken, die Bedienung von digitalen Ablaufschemen nimmt immer mehr Ressourcen in Anspruch; ein kleines Bankgeschäft gerät heute zur mehrfach  abgesicherten, zeitaufwändigen und absurd komplizierten Überprüfungsübung. Die Kaste der Kontrollierenden wächst in dem Masse, wie die produktiven Kräfte vor Ort in ihrem direkten Dienst am Kunden und Mitmenschen weggespart werden. Die Angst vor dem komplexen realen Leben, dem ungefilterten Austausch und echten Engagement führt gerade im politischen Betrieb zu immer neuen Stellen, um die nicht perfekte, oftmals auch unbequeme Realität auf Abstand zu halten.

Dieses Phänomen ist aus der Geschichte bestens bekannt, grosse Reiche gingen in Glanz und mit einem riesigen Hofstaat unter, weil kaum mehr jemand in der Wirklichkeit tätig war. Es lohnte sich nicht mehr.

Das Judentum als Inspiration

Die Regulierungsdichte hat auch bei uns ein Mass angenommen, dass sie nicht einmal mehr von den Funktionären und Treuhändern überblickt werden kann. An vielen Strassen stehen die Verkehrstafeln so dicht, dass ein menschliches Auge sie nicht mehr erfassen kann. Das ist der Zeitpunkt, um das heilende «Back to the Roots» einzuleiten und sich aus der Illusion der abstrakten Lösungen zu verabschieden. Wir sind bekanntlich nicht für die Gesetze da, sondern die Gesetze für uns. Und wo die Überregulierung zum Problem wird, gibt es Lösungen für die Lebenswirklichkeit. Das schönste Beispiel gibt das Judentum mit seinen 365 Verboten und 248 Geboten: Es gibt zur Korrektur den befreienden Eruv, mit ihm werden die vielen strengen Sabbat-Regeln in einem symbolisch gekennzeichneten öffentlichen Raum so aufgehoben, dass der heilige Tag nicht in einem übertriebenen Regelwerk umständlich und freudlos verbracht werden muss, sondern wie privat zu Hause, in aktiver und fröhlicher Gemeinschaft. Antwerpen, Strassburg und Wien gehören zu den Städten mit einem deregulierenden Eruv. Dieser hat jeweils etwa die Grösse einer Altstadt.

Aus neuer Zeit gibt es säkulare Beispiele für die Wiederentdeckung der lebensechten Selbstverantwortung in bestimmten öffentlichen Zonen. In Holland und Deutschland gibt es Städte, die den ganzen Schilderwald im Strassenverkehr abmontiert haben und alle Verkehrsteilnehmer nur noch auf das Wesentliche verpflichten – den gesunden Menschenverstand und die Rücksichtnahme. Es funktioniert bestens.

Schwirrende Ordnungsparagrafen

Für 2018 können wir uns also vornehmen, in den überschaubaren Schweizer Kernstädten säkulare Eruvs bzw. Eruvim einzurichten, wo dann ganzjährig wieder die rücksichtsvolle Selbstverantwortung die gemeinschaftlichen Regeln setzt – und eben nicht mehr unendlich viel Metalltafeln und schwirrende Ordnungsparagrafen. Die urmenschliche Kultur des Miteinanders soll dort wieder gedeihen können, inklusive des persönlichen Engagements für Mitmenschen in Not.

Übersetzt für unser Parlament in Bern heisst das, dass es das Merkblatt über den Unterschied von Flirten und sexueller Belästigung getrost ersetzen darf mit einem kurzen Text über die Grundlagen einer sich frei organisierenden Gesellschaft von Mündigen: Anstand, Empathie und Zivilcourage. So lässt sich nämlich ganz ohne Bürokratie gut arbeiten, feiern und gegenseitig helfen.

Ein frohes neues Jahr!