Ein gewalttätiger Übergriff auf den AfD-Bundestagsabgeordneten Frank Magnitz ist diese Woche zu einem medialen Grossereignis in Deutschland und weit darüber hinaus geworden. Dabei entspinnt sich eine zunehmend hysterische Debatte: Ist Deutschland noch sicher?

Der Vorgang ist bemerkenswert, denn er basiert auf Unwahrheiten und Vermutungen. Die von der AfD verbreitete Behauptung, Magnitz sei aus politischen Motiven mit einem Kantholz niedergeschlagen und am Boden liegend mit Füssen getreten worden, hat sich als falsch erwiesen.

Ein Video zeigt, dass Frank Magnitz von einem vermummten Mann vermutlich mit blosser Faust auf den Kopf geschlagen wurde. Die üblen Kopfverletzungen hätte er sich demnach beim nachfolgenden Sturz zugezogen. Der Übergriff auf den AfD-Politiker war also zwar brutal, aber eben nicht derart brutal, wie von der AfD dargestellt. Zudem sind die politischen Motive des Täters nicht erwiesen.

Nach Attacke auf Bremer AfD-Chef: "Wer kann Hinweise auf diese Täter geben?"

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Weshalb also hat der Fall Magnitz eine derartige mediale Aufblähung erlebt, dass die «Süddeutsche Zeitung» diese Woche ernsthaft fragte, ob eine «Wiederkehr der Weimarer Verhältnisse» drohe? Jener Zeit also, während der in Strassen- und Saalschlachten zwischen Linken und Rechten Hunderte ihr Leben verloren und die in die braune Diktatur der Nazis mündete?

Drei Motive lassen sich für diese Debatte identifizieren. Alle drei muss man hinterfragen.

Erstens passt der Fall Magnitz in die Metaerzählung, dass es in Deutschland nun nach vielen Jahren der Stabilität zu einem fundamentalen politischen Umbruch komme. Gewiss, die Regierung Merkel steht im Herbst, das deutsche Parteiensystem hat einen dramatischen Umbau hinter und womöglich vor sich. Seit dem Flüchtlingssommer 2016 wird das Knirschen im deutschen Politikbetrieb stets lauter. Der rechte Rand deutet dies gerne übereifrig als Vorboten eines radikalen Umsturzes. Eine Eskalation der Gewalt würde in dieses Bild passen.

Allerdings: Das sind Wunschträume einiger verirrten Rechtsaussenpublizisten. Deutschland ist eine verlässliche Demokratie mit funktionierenden Institutionen und einer brummenden Wirtschaft, kein Staat am Rande des politischen Zusammenbruchs.

Zweitens ist die Aufregung um den Fall Magnitz ein Erfolg der AfD-Propaganda. Die Partei hat sich stets darüber beklagt, sie würde ausgegrenzt und von den Medien ungerecht behandelt. In dieser Logik tragen nun diese die moralische Schuld, wenn es zu Übergriffen auf AfD-Mandatsträger kommt. Diese Denkfigur wirkt über die AfD hinaus.

Kurz nach Bekanntwerden des Vorfalls machte etwa ein Text des SPD-Vizepräsidenten Ralf Stegner auf dem Kurznachrichtendienst Twitter die Runde: «Man muss Positionen und Personal der Rechtspopulisten attackieren, weil die gestrig, intolerant, rechtsaussen und gefährlich sind», heisst es da. In den sozialen Medien wurde dieser Tweet als Beleg dafür genommen, dass Stegner Gewalt gegen AfD-Politiker fordere. Auch SVP-Nationalrat und «Weltwoche»-Verleger Roger Köppel reihte sich twitternd ein und beklagte die «Doppelmoral» der SPD.

Fakt ist allerdings: Stegner hat immer wieder eine robuste politische Auseinandersetzung mit der AfD gefordert und praktiziert. Ihm und anderen – aufgrund eines Tweets aus dem Jahr 2016 notabene – zu unterstellen, mit dem Begriff «attackieren» zu Gewalttaten aufzurufen, ist aber bösartig und intellektuell unredlich.

Drittens wird der Fall Magnitz von jenen genutzt, die gerne vor linksextremer Gewalt warnen und – damit verbunden – die rechtsextreme eher kleinzureden suchen.

Fest steht: Links- wie rechtsextremistische Gewalt sind mit nichts zu rechtfertigen. Man kann sie deshalb auch nicht gegeneinander aufrechnen. Die verfügbaren Zahlen stützen die These indes nicht, dass die Zahl schwerer politisch motivierter Gewalttaten zunehme.

Der Fall Magnitz taugt also nicht, um eine alarmistische Debatte zum Zustand Deutschlands zu führen. Von «Weimarer Verhältnissen» ist das Land meilenweit entfernt. Deutschland ist ein Rechtsstaat und hat die Mittel, um mit Gewalttaten adäquat umzugehen. Das ist beruhigend.

Beunruhigend ist allerdings, wie schamlos mit einem Fall wie jenem von Magnitz die politische Debatte vergiftet und mit Propagandalogik durchsetzt wird.

Was Deutschland und seine Medien – nicht nur die sozialen – in der Auseinandersetzung mit der AfD mehr denn je brauchen, ist dies: Nüchternheit.