2016 geht als schwarzes Jahr in die Geschichte der Luftwaffe ein:

  • Am Mittwoch stürzt ein Super-Puma-Helikopter auf dem Gotthardpass ab – zwei Piloten tot, ein Flughelfer verletzt.
  • Am 29. August kracht eine F/A-18 am Susten in eine Felswand – Pilot tot.
  • Am 9. Juni stürzt ein Tiger der Patrouille Suisse in den Niederlanden ab – der Pilot rettet sich mit dem Schleudersitz.

Drei schwere Unfälle innert dreieinhalb Monaten, und auch über einen etwas längeren Zeitraum betrachtet häufen sich die Unfälle, zumindest bei den F/A-18:

Die 34 Kampfjets wurden 1997 in Betrieb genommen. Vier stürzten seither ab – je einer 1998, 2013, 2015 und 2016. Interessant ist ein Vergleich zu den Hunter-Kampfjets, die von 1958 bis 1994 im Einsatz standen. Von 160 Huntern stürzten innert 36 Betriebsjahren 28 Stück ab. Das sieht auf den ersten Blick nach enorm viel aus. Von 34 F/A aber stürzten innert 19 Jahren 4 Stück ab – was eine deutlich schlechtere Quote ist, trotz riesigen technischen Fortschritten.

Jeder Unfall mit Toten ist zuallererst tragisch für die Angehörigen, für die Kameraden und ja: für die Schweiz. Schliesslich fliegen die Piloten für die Sicherheit des Landes. Spekulationen über Ursachen sind heikel. Trotzdem wird jetzt etwas gar voreilig gesagt: Die vielen Unfälle seien Zufall, Muster nicht erkennbar.

Das ist zu einfach. Vielmehr sollte die Armee dringend der Frage nachgehen, ob eben nicht doch irgendwo der Wurm drinsteckt. Ausbildungskonzepte, Sicherheitsvorschriften, alles Messbare wird wohl in Ordnung sein. Doch es gibt die Ebene jenseits von Reglementen: Damit der Mensch optimal funktioniert, braucht er die richtige Umgebung; die besten Leistungen erbringt, wer sich voll auf seine Aufgabe konzentrieren kann und
befreit ist von Ärger, Unsicherheit, Angst und anderen lähmenden Empfindungen.

Keine Firma ist erfolgreich, wenn das Umfeld nicht stimmt

Keine Fussballmannschaft wird erfolgreich sein, wenn die Gedanken der Spieler nicht unbelastet sind. Darum ist so entscheidend, dass es dem Trainer gelingt, alle Nebengeräusche auszuschalten und die richtige Chemie zu schaffen. Kein Unternehmen bringt es an die Spitze, wenn die Angestellten nicht gerne und viel arbeiten, Visionen und Ehrgeiz entwickeln, ihre ganze Schaffenskraft einbringen. Darum bietet Google seinen Mitarbeitern ein Rundum-Wohlfühlprogramm mit kostenlosem Essen, Sportclub, Massagen, Freizeitprogramm.

Können die Mitarbeiter der Luftwaffe ihren Job machen, wie sie müssten? Konzentriert, motiviert, frei von Intrigen, Zukunftsangst, personellen Turbulenzen? Haben sie Chefs, die Ärger von ihren Leuten fernhalten? Denn Ärger und Unsicherheiten gibt es nicht zu knapp:

  • Keine neuen Flieger: Überraschend hat das Volk Nein gesagt zum Gripen. Die Luftwaffe verfügt damit nur noch über 30 F/A-18, und die kommen in zehn Jahren an ihr Lebensende. Ohne Flugzeuge aber gibt es keine Luftwaffe, eine Ersatzbeschaffung tut Not. Erst im Frühling 2017 will Bundesrat Guy Parmelin aufzeigen, wie es weitergeht. Logisch, dass dieser Zustand zu Unsicherheit führt.
  • Kein klarer Auftrag: Bei der Beschaffung von neuen Jets wird die Frage im Zentrum stehen, ob die Schweiz nur Luftpolizeidienst machen oder kampffähig bleiben soll. Das hat Auswirkungen auf Anzahl Flugzeuge, Typ – und auf Jobprofil und Anzahl Piloten.
  • Steigende Präsenz: 2014 mussten französische Mirages ein entführtes Flugzeug nach Genf eskortieren, weil die Schweizer Luftwaffe nur zu Bürozeiten im Einsatz steht. Das wird korrigiert: Ab 2020 ist sie rund um die Uhr bereit. Das ist sinnvoll, aber eine grosse Zusatzbelastung in Zeiten der Finanzknappheit.
  • Luftwaffe zurückgestuft: Die Luftwaffe soll zusammen mit dem Heer einem Chef Operationen unterstellt werden. Das ist nicht förderlich für den Korpsgeist.
  • Das Bodluv-Projekt: Praktisch als erste Amtshandlung hat Guy Parmelin das Projekt für bodengestützte Luftverteidigung sistiert – verführt und ohne Grund, wie jetzt eine Administrativuntersuchung ergeben hat. Indiskretionen, die zu dieser Fehleinschätzung führten, kamen aus dem innersten Zirkel. Kaum etwas ist schlimmer für eine Organisation.

Versuche, Unfälle politisch auszuschlachten, sind unappetitlich. Trotzdem geschieht es. Bürgerliche fordern nach jedem Absturz eine schnellere Beschaffung von neuen Flugzeuges – als ob der Verlust eines Jets für diese strategische Frage entscheidend wäre. Die Linke fordert die Stilllegung der Flotte, weil das sicherer sei. Das eine ist opportunistisch, das andere zynisch. Was es wirklich braucht, ist eine vertiefte Untersuchung, ob die Mitarbeitenden de Luftwaffe ihren Job so machen können, wie sie müssten.

christian.dorer@azmedien.ch