Wer erinnert sich noch an das Büchlein «Empört Euch»? Niemand, es ist in der allgemeinen Empörung untergegangen. «Empört Euch!» war ein Aufruf des ehemaligen französischen Widerstandskämpfers Stéphane Hessel, den Sozialstaat und die Menschenrechte zu verteidigen.

Dieser Tage böte sich wieder einmal Gelegenheit dazu. US-Präsident Donald Trump kommt zum Weltwirtschaftsforum WEF in Davos. Doch kaum jemand will gegen ihn demonstrieren. In früheren Jahren hatten weit weniger umstrittene Gäste noch für Schlachten in verschneiten Strassen gesorgt. Schnee von gestern.

Wie schwach der Protest gegen das WEF geworden ist, zeigt das Verhalten der Berner Stadtregierung. Sie bewarb eine unbewilligte Anti-Trump-Demo als legitim, statt sie wie sonst mit Gummischrot zu beschiessen. Statt Repression gab es Mitleid für die Demonstranten. An der Zerstrittenheit der Linken, wie der «Tages-Anzeiger» gestern vermutete, liegt die Schwäche der Bewegung freilich nicht.

Selbstzerfleischung gehört zur Linken wie der lange weisse Bart zu Karl Marx. Auf einen einheitlichen Aufruf konnte sie sich noch selten einigen. Schaden muss das nicht. Zwei verschiedene Aufrufe sind manchmal effizienter als ein gemeinsamer. Was wirklich anders ist: Es schliesst sich dem Sammelsurium linker Demo-Profis kaum noch jemand an. Die Aktivisten trommeln zwar weiterhin gegen das WEF, aber man hört kein Echo.

Der Resonanzkörper fehlt. Das ist erstaunlich. Denn die Empörung über den Zustand der Welt war nie lauter. Ein Rassist und Macho fährt die Welt gerade an die Wand, heisst es. Es droht ein Atomkrieg mit Nordkorea, heisst es. Jeder Tweet aus dem Weissen Haus, löst Wogen der Empörung aus.

Doch auf die Strasse lockt das kaum jemanden. Hat die Dauerempörung uns erschöpft? Oder erleben wir eine neue Gelassenheit? Stéphane Hessel kann die Frage nicht mehr beantworten. Er ist 2013 verstorben. Vorher hat er aber noch ein weites Büchlein veröffentlicht. Es trägt den Titel «Engagiert Euch!»

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