Neues Jahr, neues Glück? Wer das Schicksal der guten Vorsätze kennt, weiss nur zu sehr, dass dies eine nicht so einfache Sache ist. Man sollte deshalb vorsichtiger mit den Vorsätzen umgehen und sich eher überlegen, was es mit dem Vorbildsein auf sich hat. Ein Vorbild taugt mehr als zig gute Vorsätze, die sich häufig nicht bewähren und auch selten lange halten. Schon der römische Philosoph Seneca hat gesagt, dass die Menschen den Augen mehr trauen als den Ohren und Vorbilder deshalb den Weg zum Ziel verkürzen.

«Vorbild» ist ein grosses Wort. Das klingt ein bisschen nach Helden oder Heiligen und vor allem nach veraltet. Doch Forschungsstudien belegen, dass sich heute mehr als 50 Prozent der Kinder und Jugendlichen zu Vorbildern bekennen. Wie kann das sein? Ein wichtiger Grund liegt darin, dass es bei Vorbildern nicht nur um Nachahmung geht, sondern ebenso um Vergleichsprozesse.

Die wichtigsten Vorbilder sind nach wie vor die Eltern

Schon die Kleinen streben nach Vorbildern. Ob das nun «Bob der Baumeister» im Baufieber, «Prinzessin Lillifee» im Rosarausch oder die Kindergärtnerin als Netteste aller Personen ist. Besonders anschaulich ist die Bedeutung des Vorbilds beim feierlichen Einlauf auf dem Fussballfeld, wenn auserwählte Kickerknirpse an der Hand ihres Sportidols ins Stadion schweben und sich in anderen Sphären wähnen.

Doch wer sind die wichtigsten Vorbilder der Jugendlichen? Kim Kardashian? Adele? Mahatma Gandhi? Weit gefehlt! Die wichtigsten Vorbilder stammen nicht aus Glanz und Gloria, sondern aus der eigenen Familie. In den Untersuchungen der letzten Jahre steht regelmässig die Mama mit jeweils mehr als 40 Prozent Zustimmung auf dem ersten Platz. Mutter Teresa belegt meist Platz zwei, und Papa gewinnt üblicherweise Bronze – noch vor Nelson Mandela. Und dann kommen bereits Grosseltern und Lehrer.

Wenn das nicht eine positive Botschaft ist! Die Eltern als Vorbilder, die fehlbaren Menschen, welche ihren Kindern die eigenen Neurosen mit auf den Weg geben – aber auch all ihre Liebe! Das stört Jugendliche offenbar wenig, denn sie begründen die Mama als Vorbild mit «Meine Mutter ist immer für mich da», schieben dann jedoch noch nach, «aber sie verbietet mir zu viel». Mütter und Väter müssen somit keine Angst haben, die Kinder zurechtzuweisen, wenn sie zu spät aus der Disco nach Hause kommen oder wenn sie ihnen die Playstation streichen.

Vorbilder müssen nicht immer nur positiv sein

Warum dieses relativ eindeutige Bekenntnis zu Eltern und nahestehenden Erwachsenen? Dies dürfte unter anderem mit der gefühlten unsicheren Zukunft zu tun haben. In einer Zeit zerrissener Werte bezieht man sich auf die heile Familie und orientiert sich an Mama und Papa, weil sie einen entscheidenden Teil des Lebens schon gemeistert haben. Obwohl Jugendliche ziemlich genau wissen, dass sie ein völlig anderes Leben führen werden, fühlen sie, dass diese vertrauten Personen vieles richtig gemacht haben.

Vorbilder sind aber nicht nur positiv, es gibt auch Negativ-Vorbilder. Von seinen erwachsenen Modellen schaut sich der junge Mensch nicht nur Gutes ab und ahmt es vielleicht unbewusst nach, sondern auch Ungünstiges. Vor allem Väter, aber auch Trainer können dann Negativ-Vorbilder werden, wenn sie die Kinder durch eine starke Wettkampforientierung überfordern.

Stehen sie am Rand des Fussballplatzes und beschimpfen den Schiedsrichter, dann lernen die Kinder kaum, dass Regeln einzuhalten sind, der Schiedsrichter eine Autorität ist und sein Pfiff respektiert werden muss. Negativ- Vorbilder eher weiblicher Art sind Verhaltensweisen wie Liebesentzug oder die wiederkehrende Betonung negativer Eigenschaften des Kindes, wenn es den Erwartungen nicht entspricht. Kinder lernen an solchen Negativ-Vorbildern, dass sie im Leben kaum je genügen können.

Das neue Jahr könnte deshalb mit der Überlegung beginnen, was man eigentlich selbst zum Vorbild taugt. Vorbilder müssen keinesfalls unfehlbar oder perfekt sein, aber integer und authentisch. Wenn der Nachwuchs so leicht, schnell und oft unbewusst von den Eltern und von bewunderten anderen Erwachsenen lernt, lohnt sich ein kritischer Blick in den Spiegel: Inwiefern man selbst Wasser predigt und Wein trinkt, weil man nicht daran denkt, dass man auch Vorbild ist und Verantwortung trägt.

Allen treuen Kolumnen-Leserinnen und -Lesern wünsche ich ein gutes neues Jahr!