Bern war schon immer die Sporthauptstad der Schweiz. Halten wir kurz inne und denken zurück ans Jahr 1954. Am 4. Juli wird im Wankdorf der Fussball-WM-Final Deutschland gegen Ungarn gespielt (3:2). Am Abend des 22. August verstummen die Motoren nach dem letzten Formel-1- und Töff-GP in der Schweiz im Bremgartenwald für immer.

Ein Formel-1-GP und ein Fussball-WM-Final innert 50 Tagen. So etwas haben Zürich oder Basel nie erlebt und werden Zürich und Basel auch nie erleben. Und nun kommen die Meister im Fussball und Eishockey zum ersten Mal seit 1959 wieder aus der Stadt Bern. Und nicht nur das. Der SCB und YB weisen auch die höchsten Zuschauerzahlen aus. Das ist erstaunlich und logisch zugleich.

In Bern ist der Stolz auf die eigene Art und Kultur viel grösser als in Zürich oder Basel.

Erstaunlich sind diese Erfolge, weil die Stadt Bern und ihr Hinterland eigentlich nicht die Wirtschaftskraft haben, um, wie in Basel und Zürich, Grossveranstaltungen und Grossklubs zu finanzieren.

Als der Sport im Land im Laufe der 1980er Jahre immer mehr Big Business wird und nicht mehr alleine durch Zuschauereinnahmen finanziert und durch politische Beziehungen organisiert werden kann, gerät Bern vorübergehend in eine existenzielle Krise. Der SCB und YB stiegen vorübergehend nicht nur ab. Beide bangen auch um ihre wirtschaftliche Existenz. Der SCB muss sogar eine Nachlassstundung erdulden (1998).

 
In einer gewöhnlichen Stadt wie Basel oder Zürich hätte sich der Sport nicht aus dieser Krise befreien können. Basel und Zürich wären in der gleichen Situation von der Sportlandkarte verschwunden. Dass die Berner die Rückkehr zu den höchsten Gipfeln des Ruhmes geschafft haben, ist zwar erstaunlich, aber eben auch logisch.

In Bern ist der Stolz auf die eigene Art und Kultur viel grösser als in Zürich oder Basel. Zürcher oder Basler zu sein, ist heute fast nur noch eine Frage der Herkunft und des Wohnortes, aber kaum mehr der Mentalität und des Lebensgefühls.

Die Berner hegen und pflegen hingegen immer noch – oder in Zeiten der Globalisierung mehr denn je – ihre Identität, ihre ganz besondere Lebensart, ihre Musik, ihren Dialekt und ihre Kultur. Zu dieser Lebensart gehört die Leidenschaft für den Sport, die alle von ihren Eltern und Urgrosseltern geerbt haben. Für den SCB oder für YB zu sein, gehört zum Wesenszug des Berners.

 
Einem Zürcher mag es heute herzlich egal sein, wie es dem FCZ und Fussball-GC geht. Nur noch die ZSC Lions wecken in begrenztem Masse ein bisschen Begeisterung und werden auch als einziges Zürcher Sportunternehmen bald in einem neuen Stadion spielen. Wenn die ZSC Lions, GC oder der FCZ Meister werden, merkt das kaum jemand in der Stadt. Wenn in Bern ein Meister gefeiert wird, rockt es in der Stadt und wird ein Umzug organisiert, der das «Sächsilüüte» zu Zürich und die Fasnacht in Basel bei Weitem in den Schatten stellt. Die Basler kennen sowieso nur Fussball und eine doppelte Meisterfeier wie 1959 und 2019 hat es nie gegeben und wird es nie geben.

Niemand kommt in Zürich auf die Idee zu sagen: Wir haben GC, den FCZ oder den ZSC, also sind wir. Für die Basler mag ja gelten: Wir haben den FCB, also sind wir. In Bern aber gilt: Wir haben den SCB und YB, also sind wir. Ja, eigentlich kommen die bedächtigen Berner nur beim Sport aus sich heraus. Und der SCB und YB schöpfen ihre Kraft auch aus der Leidenschaft der Fans, die bedingungslos hinter den beiden Traditionsklubs stehen.

In Zürich wird jahrelang nur über Stadien abgestimmt, in Bern sind sie längst gebaut worden.

Anders als in Basel oder Zürich gehört also die Sportbegeisterung zur DNA der Stadt. Und das bedeutet, dass auch eine linke Stadtregierung nicht gegen den Sport politisieren kann.

In Zürich und Basel haben reiche Unternehmer die Sportklubs alimentiert oder die Anschubfinanzierung für die Rückkehr an die Spitze finanziert. Die Sportunternehmen in Zürich und Basel sind viel weniger als in Bern vom Volk (von Zuschauereinnahmen) und der Politik abhängig. Deshalb ist vor allem in Zürich die Distanz zwischen Sport und Politik, aber auch zwischen Volk und Sport viel grösser. Deshalb wird in Zürich jahrelang nur über Stadien abgestimmt, in Bern sind sie hingegen längst gebaut worden.

 
Ohne neue Stadien könnten sich YB und der SCB heute im Sport-Business nicht mehr behaupten. Moderne Stadien sind die Voraussetzung für hohe Zuschauerstadien und für die Bewirtschaftung der Matchbesucherinnen und -besucher. Nur in modernen Stadien werden Spiele nicht nur für die Fans zum Event. Sondern auch für die Mächtigen und Reichen, die in den Logen Beziehungen knüpfen und Geschäfte einfädeln können.

In Zürich wird der Bau von Stadien verhindert, in Bern erhalten die Sportstars Tempel. Und weil Bern die Hauptstadt ist, verstehen die Berner die Kunst der Diplomatie besser als die Zürcher und Basler, die dafür zu arrogant sind. Bezahlt haben die Sporttempel in Bern auch Investoren von ausserhalb des Kantons. Und YB wäre ohne Mäzene, die nicht berndeutsch parlieren, nicht mehr in den Spitzenfussball zurückgekehrt. Diese Kunst der Geldbeschaffung «in der Fremde» gehört auch zur DNA der Berner. Sie beziehen schliesslich auch im richtigen Leben am meisten Geld aus dem Finanzausgleich und leben auf Kosten Zürichs und anderen reichen Kantonen.

Basel und Zürich haben bei Weitem nicht die gleiche stolze Geschichte wie Bern und das Standesbewusstsein der Berner.
 

Inzwischen sind der SCB und YB ein Wirtschaftsfaktor in der Stadt geworden und schreiben schwarze Zahlen. Ja, der SCB hat ab der zweiten Saison unter Manager (und heute Mitbesitzer) Mark Lüthi, also seit 1999 immer mit Gewinn abgeschlossen.

 
Die beiden Sportfirmen sind KMU mit zusammen rund 600 Vollzeitstellen mehr als 100 Millionen Franken pro Jahr. Die Macher sind nicht Sportfunktionäre alter Schule, sondern kantige, kommunikative Unternehmerpersönlichkeiten. SCB-General Marc Lüthi gehört sogar zu den bekanntesten Bernern der Zeitgeschichte. Das lange Zeit sorgsam gepflegte bluesige Berner Underdog-Image gibt es längst nicht mehr. Heute zeigen der SCB und YB selbstbewusst unternehmerische und sportliche Muskeln. YB und SCB sind nur für jene «unbernisch» ambitioniert und erfolgshungrig, die Berns Kultur, Eigenart und Sport nicht verstehen. Nicht verstehen können oder wollen.

Zum Erfolg im Sport gehört ein gesundes Selbstvertrauen. Oft wird in diesem Zusammenhang vergessen, dass Bern ab dem 15. Jahrhundert bis zum Ende der 1700er-Jahre zu den reichsten und mächtigsten Stadtstaaten Europas gehörte. Sie waren schon reich, mächtig, mit besten Beziehungen zu allen Kaisern und Königen Europas, als die Zürcher ihre Zeit noch mit Religionskriegen und Saubannerzügen gegen die Innerschweizer verschwendeten. Und Basel ist bis heute in zwei Halbkantone zersplittert. Basel und Zürich haben bei Weitem nicht die gleiche stolze Geschichte wie Bern und das Standesbewusstsein der Berner.

Dieser Stolz des alten Bern, dieser bernische Patriotismus lebt fort im Sport und der Sport ist auch die Klammer, welche die verschiedenen «Ethnien» im Bernbiet, einem wunderbaren Land von den Schneebergen bis zu den fruchtbaren Ebenen des Mittellandes, zusammenhält und in der von Jakob Hummel komponierten Hymne der Berner besungen wird:

Grüeni Wälder, dunkli Schätte, 
Hinde dra der Firneschnee.
Wie ne Garte Fäld und Matte, 
Säg, mys Härz, was wit no meh?

Bärnbiet, Bärnbiet, du my liebi Heimat, 
Schöner, schöner cha’s ja niene sy.
I ha ging chly Fröid gha dranne, 
Dass i o ne Bärner bi.

Bärner Füscht und Bärner Gringe,
Hei scho vil in Egi gha.
Chumm cho luegen eis bim Schwinge, 
Da gsesch mänge chäche Ma.

Lüt us allne Herre Goue,
Chöme schaarewys derhär,
Und wei öppe chly cho gschoue,
Üse liebe Bärnerbär.

Die Rivalität zwischen den SCL Tigers und dem SC Bern, Biel und dem SCB oder Thun und YB mag gross und leidenschaftlich sein. Die innerbernischen Unterschiede zwischen einem Oberländer und Oberaargauer, einem Emmentaler und Seeländer, zwischen Stadt und Land sind grösser als zwischen Bern und Zürich.

Aber wenn YB oder der SCB Meister werden, dann sind alle Bern. Wenn YB und der SCB Meister werden sowieso.