«Luege, lose, laufe.» Das war einmal. Heute lernen die Kinder längst einen anderen Merkspruch, der das sichere Überqueren der Strasse gewähren soll: «Rad steht, Kind geht.» Klingt harmlos, doch hat es in sich. Nicht nur, weil er nicht mehr in Mundart verfasst ist. Und das Hochdeutsch hat doch in Kindergärten nichts verloren. Das zumindest finden wertkonservative Schweizer, welche die Standardsprache in einigen Kantonen bereits aus der «Vorschule», entschuldigen Sie den deutschen Ausdruck, verbannt haben.

Viel schlimmer wiegt, dass der Merkspruch ein mittleres Verkehrschaos auslösen kann, wie der Schreibende kürzlich beobachtet hat. Ein Auto bremst vorzeitig vor dem Fussgängerstreifen ab, doch der Dreikäsehoch am Strassenrand bewegt sich keinen Zentimeter. Schliesslich steht das Rad noch nicht. Die Handzeichen des Fahrers ignoriert er. Und als der Wagen wirklich keinen Wank mehr macht, nähert sich von der anderen Seite ein weiteres Auto im Schritttempo.

Das Kind steht. Hinter dem ersten Auto hat sich mittlerweile eine kleine Kolonne gebildet – und irgendeiner hupt energisch. Das Kind, völlig unbeirrt, steht. Mittlerweile auch das Rad des zweiten Autos. Jetzt – aber auch wirklich erst jetzt – geht das Kind. – Und da soll noch einer sagen, die Kinder von heute gehorchen uns Erwachsenen nicht mehr.