Waren Sie schon mal am Filmfestival Locarno? Erlauben Sie mir, Ihnen kurz den Charakter dieses einzigartigen Kulturanlasses zu beschreiben. Locarno hat, im Grunde genommen, zwei komplett verschiedene Seiten.

Da ist zum einen die berühmte Piazza Grande, das grösste Open-Air-Kino Europas, wo während der 10 Festivaltage jeden Abend eine grosse Filmpremiere stattfindet, ein Filmstar vor mehreren tausend Zuschauern eine Auszeichnung entgegennimmt und ein bisschen plaudert.

Die Piazza Grande ist das Gesicht des Locarno Festivals, das Besucher aus der ganzen Welt mit einem glänzenden Lächeln bezirzt. Die andere Seite des Locarno Festivals ist jener Teil, der abseits der Piazza läuft, also vor allem der internationale Wettbewerb, in dem kleinere Filmproduktionen aus unbekannteren Filmnationen um den Hauptpreis, den Goldenen Leoparden, konkurrieren.

Ist das Piazza-Programm das Gesicht von Locarno, so ist der internationale Wettbewerb die Beine und Füsse, auf denen das Festival steht. Sie geben seine Marschrichtung vor und lassen Locarno aus der Masse an anderen Filmfestivals hervorstehen.

Chatrian hat sich mit Entdeckungen bewährt

Lassen Sie mich das an zwei Personen erklären, die Locarno geprägt haben: Olivier Père, der frühere Direktor des Festivals, war der Mann fürs Lächeln, er holte Superstars wie Harrison Ford und Daniel Craig auf die Piazza Grande. Carlo Chatrian, der jetzige Direktor, ist dagegen der Mann für die Füsse, der das Festival quasi von unten angeht.

Der von ihm kuratierte Wettbewerb brachte filmische Entdeckungen ans Tageslicht wie den philippinischen Regisseur Lav Diaz, um den sich seither grosse Festivals wie Venedig und die Berlinale reissen, oder die US-Schauspielerin Brie Larson, die seither einen Oscar gewann und nun als Marvel-Superheldin vor der Kamera steht.

Chatrian hat das Beinwerk des Festivals gestärkt, dank seinen Entdeckungen hat Locarno einen grossen Schritt nach vorne gemacht und sich den grossen Festivals weiter angenähert. So sehr, dass eine davon den 46-jährigen Italiener nun abgeworben hat. Die diesjährige Ausgabe des Locarno Festivals ist nach sechs Jahren die letzte unter Chatrians Leitung, im Februar 2020 übernimmt er das Amt des künstlerischen Leiters an der Berlinale.

Eine Ehre für Chatrian, und auch für Locarno, das sich als tolles Sprungbrett in Position gebracht hat. Womit wir bei der Frage sind: Wer begibt sich als nächstes auf dieses Sprungbrett, wer übernimmt in Locarno Chatrians Nachfolge?

Zeit für eine Direktorin?

Das Spekulationsrad dreht derzeit hochtourig. Nachdem Festivalpräsident Marco Solari in einer aussenwirksamen Aktion eine Charta für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen am Locarno Festival unterzeichnete, wird gemutmasst, dass er nun nach Irene Bignardi (2000-2005) wieder eine Direktorin installiert. Aber wen? Nadja Dresti, Chatrians Co-Direktorin, möchte nicht nachrücken. Sie legt ihr Amt nieder, um den Vorsitz bei der Tessiner Filmkommission einzunehmen.

Die Westschweizerin Anne Delseth, die von verschiedenen Medien ins Spiel gebracht wurde, sagte auf Nachfrage unserer Zeitung, dass sie ihren Posten in Cannes, wo sie die renommierte Sektion Quinzaine des réalisateurs mitprogrammiert, derzeit nicht verlassen möchte. Ein Name, der sich dagegen hartnäckig hält, ist jener von Solothurner-Filmtage-Direktorin Seraina Rohrer. Möglich ist aber auch eine Persönlichkeit aus dem Ausland. Das Locarno Festival wird den Namen spätestens Ende Monat bekannt geben.

Worauf wird Chatrians Nachfolge achten müssen? Genau: auf die Beine und auf das Gesicht des Locarno Festivals. Bei aller Euphorie um Chatrians Aufstieg darf man nicht vergessen, dass ihm dieses Lächeln, also die Wirkung der Piazza Grande, nie ganz geheuer war.

Sein Credo lautet: Der wahre Star ist der Film – und nicht irgendein grosser Name aus Hollywood. Für seine Nachfolge ist das eine Chance. Sie kann auf den von Chatrian gestärkten Beinen weiterschreiten und sich ein schönstmögliches Lächeln herausputzen.

Hollywood-Traumtrio auf der Piazza Grande?

Eigentlich könnte Festivalpräsident Marco Solari ein simples Casting durchführen. Am 9. August 2019, also mitten während des nächsten Festivals, startet «Once Upon a Time in Hollywood» in den Kinos: der neue Film von Quentin Tarantino, mit Leonardo DiCaprio und Brad Pitt in den Hauptrollen.

Wie könnte sich Chatrians Nachfolger oder Nachfolgerin besser empfehlen, als mit dem Versprechen, dieses Hollywood-Traumtrio auf die Piazza Grande zu locken? Wie würde das Publikum dann zurücklächeln! Denn zwischen Gesicht und Beinen sind sie, die Besucher, das eigentliche Herz des Locarno Festivals.