Vor acht Jahren begann der Volksaufstand gegen Syriens Diktator Baschar al-Assad. Noch immer wird im verwüsteten Bürgerkriegsland gekämpft, gehungert und gestorben. Die Hälfte der Bevölkerung ist geflohen. 5 Millionen im Land haben kein festes Dach mehr über dem Kopf. 5,6 Millionen Syrer brachten sich jenseits der Landesgrenzen in Sicherheit, die meisten in den Nachbarstaaten, viele auch in Europa. Heute Donnerstag kommen nun in Brüssel auf Einladung von EU und UNO zum dritten Mal Minister und Repräsentanten von über 85 Nationen und Organisationen zu einer Syrien-Geberkonferenz zusammen. 2017 sagten sie 9,1 Milliarden Dollar an humanitärer Hilfe zu, vor einem Jahr waren es 6,2 Milliarden, drei Viertel kamen aus Europa. Diesmal hoffen die Organisatoren auf 10 Milliarden.

Für die Geberländer jedoch stehen diese Zusagen dringend benötigter Mittel zur Versorgung der Bevölkerung und der Flüchtlinge auf dem einen Blatt, eine direkte Wiederaufbauhilfe für das Assad-Regime jedoch auf einem völlig anderen Blatt. Diese Kosten schätzt die Weltbank auf mindestens 320 Milliarden Euro. Ein Drittel aller Wohnungen sowie die Hälfte aller Schulen, Universitäten und Krankenhäuser sind beschädigt oder zerstört. Die russischen und syrischen Luftangriffe mit ihren berüchtigten Fassbomben haben ungeheure Schäden angerichtet – vor allem in den einstigen Hochburgen der Aufständischen. Und weder Damaskus noch seine Verbündeten Russland und Iran können den Wiederaufbau des Bürgerkriegslandes allein schultern.

Europa stürzt dies in ein Dilemma. Findet sich Brüssel mit dem Despoten Baschar al-Assad ab und lässt zusätzliche Aufbaugelder fliessen, werden dennoch viele der rund eine Million Syrer, die in der Europäischen Union Zuflucht gefunden haben, aus Angst vor ihrem Regime nicht zurückkehren. Denn die Rückkehrer fürchten, verhaftet und gefoltert zu werden und am Ende spurlos in den Kerkern des Regimes zu verschwinden, wie die 100 000 Opfer vor ihnen, die seit 2011 verhaftet wurden und von denen bis heute jede Spur fehlt.

Blockiert Brüssel dagegen die Aufbau-Milliarden, bis ein «glaubwürdiger Übergang weg von Baschar al-Assad» stattfindet, werden grosse Teile Syriens noch auf Jahre und Jahrzehnte unbewohnbar bleiben. Die Befürworter dieser harten Linie berufen sich vor allem auf die Resolution 2254 des UN-Sicherheitsrates vom Dezember 2015, welche einen «politischen Übergang» in Syrien fordert, ohne allerdings genau zu definieren, ob damit perspektivisch ein Rücktritt Assads oder lediglich bestimmte innere Reformen des Systems gemeint sind.

An einen schrittweisen Machtverzicht Assads jedoch ist heute, drei Jahre nach dem UN-Beschluss, nicht mehr zu denken. Der Diktator ist eindeutiger Sieger auf dem Schlachtfeld, mit ein Grund, warum die strikte Anti-Assad-Front in Europa zu bröckeln beginnt. Die drei Grossen, Deutschland, Frankreich und Grossbritannien, halten ebenso wie die EU-Aussenbeauftragte Federica Mogherini bisher an ihrem harten Kurs fest. Sie wollen Damaskus für seine schweren Verbrechen zur Rechenschaft ziehen und nicht mit milliardenschweren Investitionen belohnen.

Süd- und osteuropäische Staaten dagegen plädieren beim Wiederaufbau Syriens für eine pragmatischere Linie, weil ihre Regierungen das Thema Assad stärker durch die Linse der Asylpolitik betrachten. Wortführer ist die populistische Regierung Italiens, die eine Kooperation mit Damaskus für unabdingbar hält, bei der Flüchtlingskrise genauso wie bei der Fahndung nach IS-Terroristen. Auf der gleichen Linie liegen Polen, Österreich und Ungarn. Polens Vize-Aussenminister Andrzej Papierz durchbrach als erster EU-Politiker die europäische Kontaktsperre und reiste im August nach Damaskus. Dort versprach er den Bau von hundert Wohnungen für Flüchtlingsfamilien, die gegenwärtig im Libanon leben. Doch auch in Berlin, Paris und London gibt es erste Signale von Bewegung. Man könne den humanitären Hilfsbegriff ausweiten und künftig auch gewisse Infrastrukturprojekte finanzieren, lauten die vorsichtigen Überlegungen. Dafür verlangen die europäischen Schwergewichte, dass das Baath-Regime Abertausende politische Gefangene freilässt, einer Amnestie für Regimegegner zustimmt und die Vereinten Nationen autorisiert, die Rückkehr der Flüchtlinge zu überwachen – Forderungen, die Damaskus bisher kategorisch zurückwies.