Martin Schulz hinterlässt grosse Fussstapfen. Keiner seiner Amtsvorgänger vermochte es, dem EU-Parlament mehr Geltung zu verleihen. Das betrifft sowohl die Rolle des Parlaments innerhalb des EU-Institutionengefüges als auch die internationale Wahrnehmung. Sein Nachfolger, der Italiener Antonio Tajani, wird Schulz’ Erbe nicht fortführen können. Dazu fehlt dem «Berlusconisti» nicht nur das Format, sondern auch die Unterstützung durch die Parteien.

Die grosse Koalition zwischen Sozialisten und Christdemokraten, die Schulz wie ein Ministerpräsident anführte, ist im Streit um seine Nachfolge zerbrochen. Einige EU-Parlamentarier begrüssen diese Entwicklung und feiern die «Rückkehr zum Normalzustand» mit wechselnden Mehrheiten und Debatten mit ungewissem Ausgang als Zuwachs an Demokratie. Schulz’ politisches Amtsverständnis, bei welchem er das Parlament wahlweise als Druckmittel oder als Partner gegenüber Kommissions-Chef Juncker inszenierte, empfanden viele Abgeordnete als selbstherrlich.

Sie freuen sich daher, dass sie wieder unendlich lange diskutieren und sich im parteipolitischen Kleinkrieg aufreiben können. Dabei geht jedoch vergessen, dass seit 2014 rund ein Drittel aller Sitze im EU-Parlament mit Extremisten und EU-Hassern besetzt ist, die keinerlei Interesse an einer konstruktiven Politik haben.

Es wäre verheerend, wenn diese aufgrund fehlender Mehrheiten in Zukunft das Zünglein an der Waage sein würden. Angesichts der Herausforderungen wie die Präsidentschaft Donald Trumps oder die Destabilisierungs-Politik Russlands täte das EU-Parlament zudem gut daran, mit einer stabilen Mehrheit für Berechenbarkeit innerhalb der EU zu sorgen, anstatt sich selbst zu demontieren.