Die These vom «Ende der Geschichte» postulierte der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama anfangs der 1990er-Jahre in einem Artikel und in einem Buch. Er meinte darin, dass die liberale Demokratie und das System der Marktwirtschaft weltweit endgültig gesiegt hätten.

«Was für ein Blödsinn», dachte ich schon damals. Auch wenn die Sowjetunion eben zusammengebrochen war, lebten die meisten Menschen Anfang der 90er-Jahre unter Diktaturen wie zum Beispiel in der Volksrepublik China. Und auch von funktionierenden Marktwirtschaften konnte man damals in den meisten Ländern nicht sprechen.

Trotzdem machte sich im sogenannten Westen das Gefühl breit, dass wir gewonnen hätten. Wie naiv und wie falsch. Es kann auch gar nicht darum gehen, dass der Westen gewinnt. Gewinnen sollten vielmehr alle Menschen und Völker.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass die Menschen aller Ethnien und Kulturen sich nach Freiheit sehnen, dass sie nach einem gewissen Wohlstand streben und dass sie ihrer Menschenwürde viel Wert beimessen. Somit stehen liberale Lösungskonzepte wie Demokratie, Rechtsstaat, Gewaltenteilung, Menschenrechte aber auch Marktwirtschaft als Endpunkt der Entwicklung für mich fest. Aber wie diese Demokratie zum Beispiel aussieht, ist offen. Nicht einmal in Westeuropa gleichen sich die Demokratien wie ein Ei dem anderen. Müssen sie auch gar nicht. Noch weniger wird das je weltweit der Fall sein.

Das ist auch nicht der springende Punkt. Ich hoffe, dass spätestens seit diesem Bericht jede und jeder erwacht ist: «Am Samstag setzten russische Militärhelikopter in zwei ukrainischen Dörfern an der Grenze zur Krim rund 100 Soldaten ab. Sie versuchten, Gasverteilstationen … zu besetzen». Diese Sätze lesen wir heute und wer den Kopf in den Sand steckt, macht sich mitschuldig.

Wenn es dem russischen Präsidenten Wladimir Putin etwas anzurechnen gilt, dann das: Er hat uns geweckt. Er hat ein neues Kapitel aufgeschlagen. Daraus muss man Konsequenzen ziehen. Keine Übertriebenen, denn Russland ist ein Koloss auf tönernen Füssen. Dies bezieht sich auf die Wirtschaft und das politische System. Damit kein Missverständnis aufkommt: Weder habe ich etwas gegen Russen noch glaube ich, dass wir an der Schwelle zu einem neuen Kalten Krieg stehen. Die Geschichte wiederholt sich nie. Und das Konzept des Kampfes der Kulturen ist Unsinn.

Klar hingegen ist: Das Ende der Geschichte ist weit weg. Noch haben die liberalen Konzepte von Demokratie und Marktwirtschaft wie auch die Ideen wie Menschenrechte und Gewaltenteilung leider weltweit längst nicht gesiegt. Auch heute lohnt sich der Einsatz für genau diese Ideen. Übrigens nicht nur in fernen Ländern. Auch hier bei uns werden diese Ideale immer wieder infrage gestellt – mal bloss unbewusst, mal ganz bewusst.