Die Aufregung war in der Wandelhalle des Nationalrates gross: Per Eilmeldung wurde in einem Medium mitgeteilt, dass der Bundesrat, genauer die Finanzministerin Evelyne Widmer-Schlumpf und Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann, eine neue Euro-Untergrenze für den Schweizer Franken anstreben würden.

Das war ein Knall. Die umgehende Kritik an den beiden Bundesräten war beissend – denn nachdem die Schweizerische Nationalbank (SNB) die Euro-Untergrenze aufgegeben hatte, war es völlig unrealistisch, jetzt eine neue Untergrenze zu verordnen. Und zudem ist da ja auch noch, völlig zu Recht, die Unabhängigkeit der SNB von der Politik.

Bundesrat Johann Schneider-Ammann dementierte irritiert. Und tatsächlich war alles nur heisse Luft. Der Journalist bezog sich auf ein Strategiepapier. In diesem wurden einfach alle theoretisch möglichen Szenarien aufgelistet. Dass irgendwann eine neue Untergrenze eine Möglichkeit wäre, liegt auf der Hand. Das alles hat aber nichts mit einer konkreten Absicht zu tun. Also war die ganze Aufregung völlig umsonst und es liegt nahe, den Journalisten dafür zu kritisieren. Tatsächlich dient es der Glaubwürdigkeit des Journalismus nicht, wenn eine solche Meldung einfach ohne Verifizierung weitergegeben wird.

Doch woher hatte denn der Journalist das Papier? Das kommt ja nicht einfach so. Zudem ist es auch nicht zum ersten Mal, dass so etwas passiert. Klar, auch früher gab es solche Lecks. Aber da war es die Ausnahme – heute ist es schon fast die Regel. Es ist auch kein Zufall, sondern es hat System. Gewisse Mitglieder des Bundesrates, vor allem Bundesrat Schneider-Ammann, kommen mehr durch solche Indiskretionen unter Beschuss als andere. Es ist offensichtlich, dass solche Indiskretionen immer mehr zu einem Mittel des politisch-medialen Kampfes geworden sind.

Nicht dass ich mir vorstelle, dass ein Mitglied des Bundesrates selber zum Handy greift und einem Journalisten mitteilt, dass sein Kollege jetzt gerade einen kapitalen politischen Bock geschossen hätte.

Ganz sicher nicht.

Aber irgendjemand muss die Informationen weitergegeben haben. Die hingeworfene Bemerkung eines Bundesrates, dass es doch ganz gut wäre, wenn man wüsste, dass ... mag irgendjemanden motivieren, genau dies gekonnt zu platzieren. Jetzt kann man im Namen der Transparenz sagen, dass es ja ganz gut ist, wenn nicht alles in der Dunkelkammer verschwindet.

Auf der anderen Seite ist es unmöglich, eine interne, offene Diskussion im Gremium zu führen, wenn jedes Mitglied umgehend befürchten muss, dass auch jede nur in Erwägung gezogene aber noch unausgegorene Idee in den Medien nicht nur breitgetreten, sondern auch gegen ihn selber verwendet wird. Das wäre dann endgültig der Bankrott des Kollegialitätssystems. Und dieses Kollegialitätssystem krankt schon genug an Dysfunktionen wie zum Beispiel am «Departementismus» – jeder/jede kümmert sich nur um sein Departement und lässt die anderen in Ruhe. Also lieber Bundesrat: Unterbindet diese Indiskretionen. Ihr demontiert euch sonst selber.