Mit typischem Understatement titelte die NZZ am 22. Januar 1946 auf ihrer Frontseite: «Ein Dokument aus dem November 1940.» Darunter druckte die Zeitung die gleichentags vom Bundesrat erstmals öffentlich gemachte «Eingabe der 200» ab, inklusive der Namensliste aller Haupt- und Nebenunterzeichner.

Für zwei Baselbieter Persönlichkeiten hatte diese explosive Publikation unmittelbare Folgen. Nur zwei Tage später gab Landratspräsident Reinhard Straumann seinen Rücktritt bekannt. Eine Woche später folgte ihm Jakob Kaderli-Neukomm, der Präsident der Basellandschaftlichen Kantonalbank.

Sündenböcke

Beide hatten nach der Niederlage Frankreichs im Dezember 1940 als Nachzügler jenes berüchtigte Papier unterzeichnet, in dem 173 Männer aus rechtsbürgerlichen Kreisen vom Bundesrat die «Ausschaltung» und «Ausmerzung» von Schweizer Presseorganen forderten, die kritisch über Hitler-Deutschland berichteten. Damit waren insbesondere die führenden Tageszeitungen «NZZ», «Bund» und «Basler Nachrichten» gemeint.

Inzwischen ist sich die Geschichtsschreibung weitgehend einig, dass Leute wie Straumann und Kaderli in der Erregung der Nachkriegsjahre als vermeintlich braune Sündenböcke über die Klinge springen mussten, während sich die Öffentlichkeit erst sehr viel später der umstrittenen Rolle der offiziellen Schweiz im Zweiten Weltkrieg bewusst wurde.

Zumindest im Fall des Baselbieter Landratspräsidenten, der die Eingabe 1940 mit «Direktor Straumann, Waldenburg» unterschrieben hatte, erwies sich sein blitzartiger Rückzug aus der Politik als weise Konsequenz. 1954 gründete der Uhrentechniker und Ingenieur in Waldenburg sein Forschungsinstitut Straumann, das heute als Straumann Holding AG von Basel aus weltweit 2300 Mitarbeiter beschäftigt und dreistellige Millionenumsätze generiert. In seinem aktuellen Eintrag im Baselbieter Personenlexikon findet sich kein einziges Wort mehr zum Rücktritt und seiner Verstrickung in die Eingabe-Affäre. Der Nachwelt ist er als brillanter Forscher und ausgezeichneter Unternehmer in Erinnerung geblieben, und nicht etwa als unheimlicher Patriot und gescheiterter Politiker der 40er-Jahre.

Es wäre billig, der gestern resignierten Amtsträgerin das Vorbild Straumann nachträglich unter die Nase zu reiben, der mit seinem schnellen Rückzug dem Kanton ein unwürdiges, monatelanges Gezerre ersparte. Vorerst darf Baselland aufatmen, dass sie sich überhaupt zu diesem Entschluss durchringen konnte, den sie noch am Montag kategorisch ausschloss. Allenfalls kann man eine gewisse Ironie daraus ziehen, dass beide höchsten Baselbieter im Abstand von 70 Jahren über die Rolle der Medien gestolpert sind: Straumann als irregeleiteter Ankläger der Pressefreiheit – Daniela Gaugler als Protagonistin einer Enthüllung von vermutlich regelwidrigem Geschäftsgebaren.

Nicht tolerierbar

In den letzten Tagen fiel die Behauptung, dass die Medien Daniela Gaugler für ihre Uneinsichtigkeit lieben würden, da dies täglich neue Schlagzeilen garantiere. Das ist – mit Verlaub – absoluter Unsinn. Wie viel einfacher und weniger bemühend wäre es auch für die bz gewesen, wegzusehen und die Hinweise auf Gauglers Bed-and-Breakfast als Lappalien abzutun. Sich zudem so den reflexartigen Vorwurf der «Medienkampagne», Selbstgerechtigkeit und Doppelmoral zu ersparen. Doch die konsequente Berichterstattung war nötig.

In einem Kanton, in dem noch immer eine regierungsrätliche Honoraraffäre nicht aufgearbeitet ist, darf nicht toleriert werden, wenn die höchste Vertreterin der Legislative im Privaten Gesetze vorsätzlich zum eigenen Vorteil und nach Gutdünken auslegt – oder sogar bricht. Aber selbst das wäre Gaugler verziehen worden, wenn sie unmittelbar nach Bekanntwerden statt zu vertuschen für Transparenz gesorgt hätte. Dass ihr kein würdevollerer Abgang wie einst bei Straumann beschieden war, liegt in erster Linie an ihr selbst und ihrer Partei. Statt des Bedauerns überwiegt die Erleichterung.