2035 wird Baselland über 300'000 Einwohner aufweisen. Die Anzahl der pflegebedürftigen Alten wird derart wachsen, dass einerseits die Gesundheitskosten in unbezahlbare Höhen schnellen, anderseits in Randregionen medizinische Versorgungslücken entstehen. Da das Personal im Gesundheitswesen ebenfalls überaltert, und Nachwuchs auf dem ausgetrockneten Arbeitsmarkt nicht in genügendem Umfang zu kriegen ist, werden Spitäler und Pflegezentren bloss noch eine immer lückenhaftere und qualitativ fragwürdige Betreuung bieten können. Besonders schlecht wird es um die ausländischen und behinderten Alten stehen, die in diesem ausgedünnten Gesundheitswesen vollends durch die Maschen fallen; ganz zu schweigen von den Dementen, von denen es ebenfalls immer mehr geben wird. Eine erstklassige medizinische Versorgung steht nur noch den Wohlhabenden und Reichen zur Verfügung.

Wegen der Knappheit an verfügbarem Bauland werden nicht genügend altersgerechte Wohnungen gebaut werden können, während jene Alten, die noch zu Hause wohnen, zu viel Wohnfläche beanspruchen, die wiederum jungen Familien fehlt. Jene Gemeinden, die für Alte wegen der guten Verkehrsanbindungen oder der Nähe zu Gesundheitszentren und kulturellen Angeboten besonders attraktiv sind, werden eine Sogwirkung entfachen und damit zu regelrechten Altersgettos mutieren. Gleichzeitig ist bezahlbarer Wohnraum nur noch in peripheren Randgebieten oder an unattraktiven Lagen zu kriegen. Dort wiederum besteht die Gefahr der Bildung von Ausländer- und Armengettos. Beide Arten von Gemeinden werden deswegen massive finanzielle Probleme bekommen.

Nicht nur Bedrohung, sondern auch Chance

So etwa könnte sich das Baselbiet in den nächsten 20 Jahren entwickeln, wenn man dieser Prognose die vor sich gehende schleichende Veränderung in der Bevölkerungszusammensetzung zugrunde legt und jeweils von der schlimmst möglichen gesellschaftlichen Entwicklung ausgeht. Dass in Baselland die Bevölkerung im Rentenalter im schweizweiten Vergleich überdurchschnittlich stark zunimmt, ist bekannt. Dass vor allem der Zustrom von Einwanderern aus dem Ausland für das Bevölkerungswachstum im Landkanton verantwortlich ist, ebenso. Jetzt hat eine Arbeitsgruppe den demografischen Wandel genauer unter die Lupe genommen und ihre Untersuchungsergebnisse diese Woche in einem 152-seitigen Bericht publiziert.

Es spricht für die Verfasser, dass sie darin nicht nur von Gefahren und Schreckensszenarien schreiben, sondern auch von Chancen. 2035 wird die Gesellschaft im Baselbiet «bunter» sein, durchmischter, offen für unterschiedlichste Lebensstile und individuelle Macken. Ferner kann es unserer Gesellschaft nur guttun, wenn sie in Zukunft vermehrt von Altersweisheit und Gelassenheit durchsetzt und wieder entschleunigt wird. Wer das Wort «alt» nur in Zusammenhang mit Problemen nennt, begeht einen kapitalen Denkfehler des grassierenden Jugendkults. Dadurch lassen sich aber die immer grösser werdenden Probleme im Gesundheitswesen nicht lösen.

Freiwilligenarbeit für die Armen

Es ist ein Zeichen von staatlicher Hilflosigkeit, wenn im Bericht als aussichtsreichstes Rezept gegen die befürchteten Versorgungslücken in der Alten- und Demenzpflege das verstärkte freiwillige Engagement der Bevölkerung gesehen wird, das es nach Möglichkeit zu fördern gilt. Die Betreuung von pflegebedürftigen Alten durch Angehörige und Nachbarn ist eine in höchstem Masse verdienstvolle und bewundernswerte Tätigkeit. Wie aber lässt sich die geheime Hoffnung nach verstärkter Solidarisierung im Familien- und Nachbarschaftsbereich mit der auf gesamtgesellschaftlicher Ebene voranschreitenden Entsolidarisierung zwischen Arm und Reich und der immer weiter aufgehenden Vermögensschere in Einklang bringen? Haben wir wirklich keinen anderen Gesellschaftsentwurf auf Lager als Privatkliniken für Wohlhabende und Freiwilligenarbeit für all jene, die nicht privat versichert sind? Zumindest zweifelhaft ist zudem, ob die Teilprivatisierung des Gesundheitswesens die richtige Antwort auf diese demografischen Perspektiven gewesen ist: Um Auswüchse zu verhindern, wird es viel eher staatliche Regulierung als einen frei spielenden «Gesundheitsmarkt» brauchen.

Die Baselbieter Regierung wird Massnahmen zum demografischen Wandel in ihr Regierungsprogramm 2016 bis 2019 aufnehmen, was löblich ist. Zu hoffen bleibt einzig, dass dabei etwas herauskommt, was obige Zukunftsperspektive bereits im Ansatz verhindert.