Übertriebenen Eifer kann man dem finanziell klammen Landkanton in diesem Fall wirklich nicht vorwerfen. Im Januar 2010 forderte der damalige SP-Landrat Daniel Münger die Regierung auf, einen Armutsbericht zu erstellen. Überwiesen wurde das Postulat im Parlament im Februar 2011. Im Mai 2013 beauftragte der Regierungsrat mehrere Experten der kantonalen Verwaltung damit, den möglichen Inhalt der Studie zu definieren. Die danach mit der Untersuchung betraute Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz nahm Zahlen aus dem Jahr 2012 als Grundlage.

Diese Woche, im Juni 2015, präsentierte der Regierungsrat das 121 Seiten dicke Ergebnis. Lieber spät als nie, ist man im Hinblick auf die politischen Mühlen, die sprichwörtlich gar nicht anders können, als langsam zu mahlen, versucht zu sagen.

Der öffentliche Aufschrei ist ausgeblieben

Immerhin wissen wir jetzt, dass vor drei Jahren im Baselbiet von insgesamt 280 000 Einwohnerinnen und Einwohnern rund 16 700 Personen von Armut betroffen waren. «Unter Berücksichtigung aller möglichen statistischen Abweichungen», wie es im Bericht heisst, waren es vielleicht nur 12 200 oder aber 21 100 Menschen. Was Armut im wissenschaftlichen Sinne bedeutet, kann sonst in ganzen Bücherregalen nachgelesen werden, und die Klärung des Definitionsbegriffs nimmt im soeben erschienenen Bericht immer noch satte drei Seiten ein. Arme können es meist in wenigen Worten prägnanter erklären: trotz Sozialhilfe nie einen Stutz zu viel in der Tasche zu haben. Sich selbst im Billig-Discounter nur die Sonderaktionen leisten zu können. Ferien sowieso vergessen und sich von unbezahlter Rechnung zu unbezahlter Rechnung hangeln. Immer krank zu sein und keine Freunde zu haben.

Es erstaunt nicht, dass die hochinteressante Publikation, wenn überhaupt, nur beiläufig zur Kenntnis genommen worden ist. Auf öffentliche Reaktionen wartete man vergebens. Schlecht im politischen Sinne sind diese Zahlen nicht, deshalb eignen sie sich kaum für eine parteipolitische Abrechnung. Mit einiger Erleichterung betonte die Regierung, dass die Baselbieter Armutsquote von 6,0 Prozent 1,7 Prozentpunkte unter dem nationalen Durchschnitt lag. Selbst im Direktvergleich in der wohlhabenden Nordwestschweiz wies Baselland 2012 weniger Menschen aus, die unter dem Existenzminimum lebten, als die reicheren Nachbarn Basel-Stadt und Aargau.

Dafür sind insbesondere die konstant gute Wirtschaftslage der letzten Jahre und das überdurchschnittliche hohe Bildungsniveau verantwortlich. Überhaupt stelle Bildung den zentralen Schutzfaktor vor Armut dar, liest man hier nicht zum ersten Mal. Die Regierung beansprucht ihren Anteil am guten Ergebnis, indem sie betont, dass sie viel in Massnahmen wie Sozialhilfe, Berufsberatung oder Wiedereingliederungsmassnahmen in den Arbeitsmarkt investiere. Bemerkenswert sind aber auch Feststellungen wie jene, dass es vor allem die tiefe Arbeitslosenquote bei den Ausländern ist, die für den mit 2,7 Prozent schweizweit unterdurchschnittlichen Wert verantwortlich ist. Dass zwar Alleinerziehende, alleinstehende ältere Menschen oder kinderreiche Familien besonders von Armut betroffen sind, gleichzeitig aber auch Rentner-Ehepaare und die alleinstehenden Männer und Frauen im Rentenalter das höchste steuerbare Vermögen aufweisen. Dass alleinerziehende, geschiedene Ausländerinnen sowie Kinder und Jugendliche überproportional häufig von der Sozialhilfe abhängig sind. Dass aber auch 3,5 Prozent der Erwerbstätigen im Baselbiet einen derart tiefen Lohn beziehen, dass sie unter die Armutsgrenze fallen.

Das halbe Joggeli-Stadion kann man mit Armen füllen

Wir wissen es. Armut stinkt und ist hässlich, und so lange man nicht selbst betroffen ist, will man möglichst wenig damit zu tun haben. Darum liest sich eine Armutsquote von 6,0 Prozent besser als die bildliche Vorstellung, dass Basellands Arme das halbe Joggeli füllen. Die Neigung zu pauschaler Aburteilung der Armut als sowieso immer selbst verschuldet besteht ebenso wie der Hang zu übertriebenem Sozialkitsch und der Ausklammerung jeglicher Eigenverantwortung. Armut ist vielschichtig und der dauerbesoffene Penner und Null-Bock-Aussteiger haben nicht viel mit der verwitweten Rentnerin zu tun, die sich nach lebenslanger Fabrikarbeit mit 2800 Franken Rente durchschlägt.

Helfen möchten wir eigentlich keinem von beiden, sofern wir nicht müssen, die Bettler am Bahnhof machen uns aggressiv, das Problem mit einem bedingungslosen Grundeinkommen aus der Welt zu schaffen, geht schon gar nicht, und überhaupt haben wir mit der eigenen Familie mehr als genug am Hals. Darum sind wir den Ämtern mehr als nur dankbar, wenn sie die Armen von uns fernhalten. So lange die Armut unsichtbar bleibt, genügt uns die Aussicht auf ein künftiges regelmässiges Armen-Monitoring. Wir sind erleichtert über die tiefen 6,0 Prozent und verzeihen die lange Dauer für das Erstellen des Armutsberichts. Denn seien wir ehrlich: Mehr möchten wir gar nicht, dass getan wird – zumindest nicht, so lange es uns selbst so gut geht.