Vielleicht haben auch Sie die Nase voll von all den Gedenkveranstaltungen und Berichterstattungen über das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 70 Jahren. Nur allzu begierig haben Berufshistoriker und begeisterte Amateure die Gelegenheit ergriffen, uns seitenweise mit längst Bekanntem zu langweilen. Gewiss: Vielleicht ist Filmmaterial in neue TV-Dokumentationen eingeflossen, das nicht schon hundertfach in jedem beliebigen Zusammenhang gezeigt worden ist. Vielleicht war 2015 das letzte Gedenkjahr, in dem Kriegsende-Zeitzeugen in grösserem Ausmass zu Worte kommen konnten. Vielleicht sind neu entdeckte Dokumente in wichtige wissenschaftliche Arbeiten eingeflossen, die ihre Breitenwirkung erst noch entfalten müssen.

Eine fundamentale Neueinschätzung der Ereignisse von 1945 ist dabei aber noch nicht herausgekommen; weder in Bezug auf das Kriegsende in Europa selbst noch auf die Rolle der Schweiz im Krieg. Es war bloss wieder die ritualisierte Wiederaufbereitung nach dem Verstreichen eines weiteren Jahrzehnts, wobei das Gedenken von Jahrestag zu Jahrestag oberflächlicher zu werden scheint und sich hin zum ereignisgeschichtlichen Schulwissen zurückentwickelt. Bereits in fünf Jahren steht uns die nächste solche Litanei bevor, wenn mit der 75-Jahr-Marke wenigstens ein echtes Jubiläum begangen werden muss.

Mit dem deutschen Vorbild wäre die Welt ein besserer Ort

Bemerkenswerterweise wird in dieser industriellen Gedenkproduktion zum Quotenhit Zweiter Weltkrieg ein Aspekt aussen vor gelassen, der wesentlicher nicht sein könnte: die Intensität, Gründlichkeit und Ehrlichkeit der Vergangenheitsbewältigung in Deutschland. An einer Gedenkveranstaltung in München hat ein US-Soldat in seiner Festansprache festgestellt, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn sich alle Länder mit den dunklen Perioden ihrer Geschichte derart intensiv und selbstkritisch auseinandersetzen würden wie unser nördlicher Nachbar seit 1945. Das mag sich ein wenig nach dem bekannten amerikanischen Überschwang anhören, trifft den Kern der Sache aber sehr genau. Und es ist doppelt bemerkenswert, dass dies ein Offizieller einer Grossmacht feststellt, in welcher nach dem kurzlebigen Vietnam-Trauma längst wieder eine bedenkenlose Glorifizierung des Militärs und der eigenen Kriegsgeschichte vorherrscht.

In der Tat sind die Deutschen in den letzten 70 Jahren einen sehr weiten, sehr schmerzhaften Weg gegangen – von der anfänglichen Verdrängung und Leugnung, über den Mythos von der Alleinschuld Hitlers, Himmlers und der SS, bis hin zur 68er-Revolte gegen die scheinheilige Fassade der Vätergeneration und das bittere Eingeständnis, dass selbst die Jahrzehnte lang als «sauber» geltende Wehrmacht, Reichsbahn oder Beamtenebene massgeblich in Judenvernichtung, Genozide und Kriegsverbrechen involviert gewesen sind.

Natürlich hat es auf dem Weg dorthin immer wieder Rückschläge gegeben. Bestimmt ist nur ein Bruchteil der überlebenden Kriegsverbrecher und Massenmörder rechtlich zur Verantwortung gezogen worden, wogegen viele Schuldige in Nachkriegsdeutschland blendende Karrieren machen konnten. Der Antisemitismus liess und lässt sich nicht ausrotten. Bis heute wiederkehrend ist der Vorwurf an Justiz und Verfassungsschutz, auf dem rechten Auge blind zu sein. Auch brauchte es zwischendurch eine ausländische TV-Produktion wie «Holocaust» in den 1970er-Jahren, um aufzurütteln und eingeschlafene Diskussionen neu zu entfachen. Insgesamt lief Nachkriegsdeutschland aber nie ernsthaft Gefahr, dass Neonazis und antidemokratische Kräfte die Macht an sich gerissen hätten. Genauso wenig konnten sich irgendwelche revisionistischen Geschichtsbilder in der Bevölkerungsmehrheit durchsetzen.

Zähes Ringen um das Bild der Schweiz im Zweiten Weltkrieg

Vergleicht man dies mit dem zähen Ringen um ein selbstkritisches Bild der Schweiz im Zweiten Weltkrieg oder dem nationalen Abwehrreflex gegen die Raubgold-Thematik, begreift man schnell, was für eine ungeheure Leistung Deutschlands denkende, schreibende und politisierende Frauen und Männer seit 1945 vollbracht haben. Ganz zu schweigen von den Auswüchsen der Geschichtsklitterung rund um die Baselbieter Fusionsabstimmung im vergangenen Jahr. Wenn wir also an dieser Stelle unsere nördlichen Nachbarn für ihre fortgesetzte Bereitschaft zur Vergangenheitsbewältigung loben, tun wir das nicht, um das Gedenken des Tätervolks dem Gedenken an die Opfer vorzuziehen. Wir tun dies, weil es die Deutschen nicht selber tun können, ohne sich sofort dem Vorwurf der nachlassenden Wachsamkeit auszusetzen.