Ich habe meine Eltern stets darum beneidet, dass sie den Zweiten Weltkrieg miterleben durften. Natürlich nicht um die Angst, den Hunger, die Entbehrungen und schon gar nicht um den Nazi-Terror und die Bombardierungen im besetzten Belgrad. Aber dass sie all diese Erfahrungen selber machen konnten, Tag für Tag mittendrin waren in einer Zeit, in der Geschichte geschrieben wurde, das war etwas, das ich nie haben würde. Dachte ich.

Dann kam 1989. Es war ja nicht nur der Mauerfall. Diese unglaubliche Kettenreaktion absonderlicher Umwälzungen, die mit den «Tagesthemen»-Nachrichten von über Botschaftsmauern kletternden DDR-Flüchtlingen begann. Da war auch die Auflösung des Apartheid-Regimes in Südafrika, der Fall von Doc Duvalier in Haiti. Selbst in der Schweiz löste sich die Verkrustung, der Streit um die Diamant-Feiern, die Entzauberung der wehrhaften Schweiz, an die wir schon seit Werner Rings’ «Schweiz im Krieg» und Otto Marchis «Schweizer Geschichte für Ketzer» Anfang der 1970er-Jahre nicht mehr glaubten.

Aus dem erstarrten Kalten Krieg, für dessen Irrationalität wir Reagan, Thatcher und Kohl gleichermassen verantwortlich machten und hassten, schien es plötzlich, als ob sich ein Schleier der Vernunft über die Welt legen würde. Jetzt war alles Gute möglich. Zwischen Nordkap und Kap der Guten Hoffnung kamen die Menschen zu Sinnen und schafften ganz einfach Diktaturen und Unterdrückungsregimes ab. Also all diese unerklärlichen Gesellschaftsphänomene wie Wettrüsten, Kommunismus, Zensur oder Rassendiskriminierung, deren Existenz wir als mit humanistischen Idealen vollgestopfte Jugendliche noch nie hatten nachvollziehen können. Auf dem Basler Petersplatz atmete ich den Atem der Geschichte ein, wenn ich im Herbstwind zu meinen Vorlesungen schritt und über die «Tagesschau» vom Vorabend nachdachte. Ich wusste: Endlich war auch ich dabei.

War die Fusionsabstimmung epochal?

Ebenso hätte ich schon damals wissen können, dass auf diese Hochstimmung bloss die allertiefste Enttäuschung folgen muss. Der Bürgerkrieg in Jugoslawien nur drei Jahre später beendete angesichts der hilflos zuschauenden Welt abrupt sämtliche Allvernunftsfantasien. Seither bin ich mir nie mehr so ganz sicher, wie geschichtsbestimmend solche Momente und Zeitabschnitte wirklich sind. War beispielsweise die Fusionsabstimmung vom vergangenen Sonntag für unsere Region epochal?

Kurz nach dem unverhofft geschlossenen Entscheid im Baselbiet war ja nur die Rede davon, dass die 150 Jahre alte Frage der Wiedervereinigung beider Basel für die nächste Generation vom Tisch sei. Einige enttäuschte Juso-Mitglieder versicherten mir, dass sie noch zu ihren politischen Aktivzeiten den nächsten Versuch unternehmen würden. Wenige Tage später bin ich mir allerdings sicher, dass Regierungspräsident Isaac Reber recht hat, wenn er sagt, dass mit dem vergangenen Sonntag die Frage der Fusion von Baselland und Basel-Stadt endgültig vom Tisch ist.

Zumindest solange eine in Kantone aufgeteilte Schweiz existiert, wird sie sich in dieser Form nicht mehr stellen. Dafür ist der Entscheid vom Sonntag zu eindeutig und der Trend der Abstimmungen über Wiedervereinigung und Fusion zwischen 1938 und 2014 zu aussagekräftig. Der Gedanke ist nicht allzu verwegen, dass in einem Jubiläumsbuch von 2039 stehen wird, dass die Kantonstrennung von 1833 zwischen Baselland und Basel-Stadt erst am 28. September 2014 definitive Gültigkeit erlangte.

Das ist das andere Problem mit dem Miterleben, wie Geschichte geschrieben wird. Man sitzt mittendrin und weiss es erst 25 Jahre später.