Lieber Charles Brauer, wir haben einmal kurz miteinander telefoniert, woran Sie sich bestimmt nicht mehr erinnern. Im Gegensatz zu meinen Kollegen der «Volksstimme» und «Basler Zeitung» hatte ich noch nie das Vergnügen, was es bestimmt wäre, Sie persönlich zu treffen. Dabei wohnen Sie nur einen Steinwurf weg, in Böckten, zusammen mit Lilot Hegi, dieser begnadet vielseitigen Künstlerin.

Es ist immer dasselbe. Jahrelang wohnte Hermann Kesten, der Ihnen natürlich ein Begriff ist, bescheiden und weitgehend unerkannt in einem Altersheim in Riehen. Wahnsinn! Er, der «Freund der Dichter», der mit dem von mir verehrten Joseph Roth befreundet gewesen war, der mit Heinrich Mann zusammengewohnt und Franz Kafka gefördert hatte, lebte hier in der Region, bloss ein paar Tramminuten entfernt. Er, der Autor des genialen, von mir verschlungenen «Dichter im Café». Hundertfach nahm ich mir vor, Kesten zu besuchen, vielleicht hätte er sich darüber sogar gefreut, natürlich ist aber vor seinem Tod 1996 nichts daraus geworden. Besser so, es wäre ganz schön arrogant von mir unbedarftem Literaturstudenten gewesen, einfach so bei ihm rein zu platzen; Ihm, dem sich nicht einmal sein Büchner-Preis-Laudator Wolfgang Koeppen in dessen schriftstellerischen Anfängen zu nähern gewagt hatte.

Also geht es mir keineswegs darum, mich an dieser Stelle bei Ihnen einzuladen. Ich wollte Ihnen einfach zum 80. Geburtstag gratulieren, den Sie gestern, offensichtlich bei bester Gesundheit und voller Tatendrang, feiern durften. Ich tue dies in dieser unverschämt öffentlichen Form, da Sie längst selber eine Person des öffentlichen Interesses geworden sind; und weil es für den Kanton Baselland eine glückliche Fügung ist, wenn sich ein dermassen angesehener Theater- und Filmdarsteller hier niederlässt und erst noch wohlfühlt. Ich tue dies ferner deshalb, weil ich mir einbilde, Sie zumindest ein bisschen zu verstehen. Natürlich ärgert es Sie insgeheim, dass Sie selbst 14 Jahre nach der letzten Folge für viele noch immer nur der «Brocki» sind, der singende Hamburger «Tatort»-Kommissar, der zu allem Überfluss mit Manfred «Stoever» Krug einen Aufmerksamkeit heischenden Partner hatte. Also fast ein bisschen so wie bei Fritz Wepper und Horst Tappert in «Derrick», wo Sie selbst ein paar Mal mitgespielt haben. Dabei kann Wepper bestimmt nicht so gut singen wie Sie.

Ich kenne Ihr heutiges Verhältnis zu Manfred Krug nicht. Ich nehme an, dass es freundschaftlich ist, aber seiner Autobiografie entnehme ich, dass er zu Defa-Zeiten in der DDR (der «Täterätatä») stets ein wenig herablassend auf seinen damaligen Schauspieler-Freund Armin Müller-Stahl geschaut hatte; die Hollywood-Karriere machte dann allerdings nicht Krug, sondern «Minchen» Stahl. Aber was langweile ich Sie hier mit Geschichten, die Sie weitaus besser kennen als ich. Was ich eigentlich sagen wollte: Ich weiss genau, dass Ihre Karriere aus so viel mehr als den 38 «Tatort»-Folgen zwischen der «Leiche im Keller» von 1986 und dem «Tod vor Scharhörn» 2001 besteht (das habe ich jetzt auf www.tatort-fans.de gespickt). Mit Gustaf Gründgens haben Sie Theater gemacht, an den Salzburger Festspielen waren Sie der Manrique in Grillparzers «Jüdin von Toledo». Und dann natürlich die vielen, vielen Lesungen und John-Grisham-Hörbucher, denen Sie die deutsche Stimme verleihen. Lieber Charles Brauer: Sie haben allen Grund zum Feiern. Wir sind stolz darauf, dass Sie mitten unter uns Ihren Lebensmittelpunkt haben. Möge das noch viele Jahre so bleiben – ob mit oder ohne Besuch.