Die positive Sicht der Dinge ist die: Die Zeiten, in denen sich die Baselbieter FDP in strengem Kadavergehorsam gegenüber ihren eigenen Regierungsräten übte (damals waren es in der Regel noch zwei), sind vorbei.

Die Liberalen haben sich dermassen von der Machtausübung in der Exekutive emanzipiert, dass sie nicht selten im Parlament zu den schärfsten und bissigsten Kritikern ihrer übrig gebliebenen Regierungsrätin Sabine Pegoraro gehören - selbst oder gerade dann, wenn FDP-Kernthemen wie Wirtschafts- und Verkehrsfragen auf der Traktandenliste stehen.

Die Frage ist nur, wie stark diese Entfremdung von der eigenen Regierung den Schwenk bei der Sanierung der Baselbieter Pensionskasse mitverursacht hat.

Die von der FDP-Basis am vergangenen Donnerstag in Liestal gefasste Nein-Parole zur Pensionskassen-Vorlage vom 22. September hat in der Baselbieter Polit-Landschaft ein mittleres Erdbeben ausgelöst. Denn das ist die negative Sicht, die derzeit von sehr, sehr vielen Politikern ausserhalb der FDP geteilt wird, die unter dem Eindruck der Schockwelle stehen: Der Baselbieter Freisinn ist nach diesem Nein kein verlässlicher Bündnispartner mehr, geschweige denn eine staatstragende Partei.

Der lapidare Kommentar von Baudirektorin Pegoraro nach dem Parteitag, dass sie es inzwischen gewohnt sei, gegen ihre eigene Partei einen Abstimmungskampf führen zu müssen, gehörte noch zu den harmloseren.

Drastischer bringt die Kehrtwende Grünen-Landrat Klaus Kirchmayr auf den Punkt: Zuerst verschleppt ein FDP-Finanzminister fast zehn Jahre lang die nötige Reform.

Dann arbeiten die FDP-Finanzspezialisten in den landrätlichen Kommissionen eine Sanierungs-Vorlage mit aus, die weitgehend der Vernehmlassungsantwort der eigenen Partei entspricht.

Dann spricht sich die FDP-Fraktion im Landrat mehrheitlich für die Sanierungsvorlage aus. Dann setzt in derselben Fraktion zwischen 1. und 2. Lesung der Parlamentsberatung ein grösserer Meinungsumschwung ein.

Und schliesslich kippt die FDP-Basis diesen ganzen Prozess ins Gegenteil, weil sie den «Populisten» und «Erbsenzählern» ihrer Partei folgt, wie Kirchmayr die Nein-Verfechter nennt.

Ein unabhängiger Geist ist etwas Schönes. Unschön ist einzig, wenn persönliche Befindlichkeiten den rationalen Entscheid beeinflussen.

Für den Umschwung in der FDP-Fraktion sei eine handfeste Auseinandersetzung mit dem damaligen Finanzminister Adrian Ballmer vor der entscheidenden Landratssitzung der Auslöser gewesen; dies wird zumindest nachträglich so kolportiert. Ob dies der Wahrheit entspricht, spielt längst keine Rolle mehr.

Nachdem in der Parolenfassung die SVP zwar gewankt ist, sich letztlich aber knapp für ein Ja aussprach, steht die FDP nun mit ihrer Nein-Parole isoliert da - und dies in doppelter Hinsicht: Isoliert von der Regierung und isoliert von den anderen Parteien.

Selbst bei einem Abstimmungssieg, der gar nicht so unwahrscheinlich ist, wird sich die FDP den Vorwurf anhören müssen, bloss populistischen Kräften gefolgt zu sein. Politisches Kapital wird sie daraus kaum schlagen können, zumal sie vom Aufwischen des Scherbenhaufens genauso betroffen wäre wie alle anderen auch.

Die Baselbieter FDP gebärdet sich im Sommer 2013 wie eine Oppositionspartei, die zufälligerweise noch in der Regierung vertreten ist.