Was ist mit unseren Alters- und Pflegeheimen los? In einer Aufstellung über negative Ereignisse listete diese Zeitung kürzlich mehr als ein halbes Dutzend Vorfälle in Baselbieter Heimen auf, die in den vergangenen 12 Monaten für Schlagzeilen gesorgt hatten - diese reichten von unhaltbaren Betreuungsverhältnissen bis hin zum Rausschmiss von langjährigen Heimleitern.

Seit 14 Tagen steht nun das Binninger Alters- und Pflegeheim Schlossacker unter Dauerbeschuss. Recherchen von «Basler Zeitung» und «Blick» berichten im Zwei-Tages-Rhythmus von immer neuen Missständen, die sich in Binningen zugetragen haben sollen. Der Stiftungsrat des Heims hat, nicht zuletzt auf entsprechenden Druck der Gemeinde, eine unabhängige Untersuchung in Auftrag gegeben.

Bemerkenswert ist die öffentliche Reaktion auf diese Berichte. Direktbetroffene liefern sich in den Leserbriefspalten einen heftigen Schlagabtausch: Die eine Hälfte bekräftigt die Kritik durch eigene negative Erfahrungen mit Heimleitung und Personal. Die andere Hälfte ärgert sich über die ihrer Meinung nach aufgebauschten Einzelfälle und lobt stattdessen die fürsorgliche Betreuung, die ihnen oder ihren Verwandten im Schlossacker zukommt. Genauso lief schon vor einem Jahr die Diskussion um das damals vom «Kassensturz» heftig kritisierte APH Madle in Pratteln ab. Auch dort rangen im Nachgang barsche Kritiker und engagierte Fürsprecher um die Meinungshoheit.
Im Baselbieter Verband der Alters- und Pflegeeinrichtungen sind 31 Institutionen mit rund 1700 Pflegeplätzen aufgeführt. Auf die einzelnen Tage hochgerechnet ergibt das pro Jahr 620 500 Gelegenheiten, dass bei der Betreuung im Heim irgendetwas schiefläuft. Nur menschlich ist es, sollte das in der Regel stark ausgelastete Pflegepersonal mit freundlichen, anspruchslosen Bewohnerinnen und Bewohnern spontaner und zuvorkommender umgehen als mit überkritischen Dauernörglern. Diese Parameter eröffnen also ein breites Feld für Negativerlebnisse bei der Betreuung; und dass immer wieder Fehler passieren, steht ausser Frage. Die entscheidende Frage ist aber die: Kann die Öffentlichkeit früh und zuverlässig genug feststellen, wenn in einem Baselbieter Heim die Senioren systemisch schlecht behandelt werden? Genau hierbei gehen die Meinungen auseinander.
Grundsätzlich liegt die Verantwortung für den Betrieb der Baselbieter Alters- und Pflegeheime bei den Gemeinden. Im Gegensatz zu Basel-Stadt kontrolliert der Kanton nur die sogenannten «sanitätspolizeilichen» Bedingungen. So hat Kantonsarzt Dominik Schorr in den vergangenen beiden Jahren sämtliche Heime inspiziert, ob Infrastruktur und Personal den gesetzlichen Ansprüchen genügen. Die eigentliche Betriebskontrolle ist Sache der paritätischen Qualitätskommission, einer von den Verbänden der Baselbieter Gemeinden und der Baselbieter Heime eingesetzten Fachstelle, die ihrerseits die Inspektionen an ein externes Unternehmen vergibt. Aus Sicht der beiden Verbände gehören die Baselbieter Heime zu den bestkontrollierten Einrichtungen im Landkanton. Aus Sicht zahlreicher Landräte müsste der Kanton eine stärkere Aufsichtsrolle einnehmen, damit sich die Heime nicht länger bloss selber kontrollieren dürfen. Bei der anstehenden Revision des Gesetzes über Betreuung und Pflege im Alter wird dieses Begehren dennoch aussen vor gelassen werden.

Dabei wäre die Lösung aus dem Dilemma vorgegeben. Spätestens seit den Ereignissen in Binningen ist klar, dass endlich die kantonale Ombudsstelle für Altersfragen kommen muss, damit nicht mehr länger die Leserbriefspalten für die Anzeige von Missständen herhalten. Derzeit blockieren sich Kanton und Gemeinden gegenseitig in der Frage nach der Finanzierung dieser Ombudsstelle. Der drohende allgemeine Vertrauensverlust in die eigenen Altersinstitutionen sollte jetzt aber für alle Seiten Anreiz genug darstellen, wenigstens eine unabhängige Anlaufstelle für Reklamationen schnellstmöglich einzuführen.

Ein älterer Leser hat uns kürzlich eine Karikatur geschickt. Links im Bild ist eine Babyklappe zu sehen. Rechts daneben, auf der gleichen Spitalwand, eine «Seniorenklappe», in die gerade heimlich ein Rentner aus dem Rollstuhl gekippt und final entsorgt wird. Natürlich ist dies schwärzester Humor. Aber diese Karikatur gäbe seine Gefühlswelt als zunehmend entbehrlicher Alter treffend wieder, schrieb uns der Leser. Es liegt am Kanton und an den Gemeinden, dass sich dieses Gefühl der Ohnmacht von Seniorinnen und Senioren nicht noch verstärkt.