Der Baselbieter Landrat hat sich am Donnerstag für die Planung einer Strassentangente im Westen und Süden von Basel ausgesprochen. Die Strasse wird, je nach Ausbau, bis zu 1,8 Milliarden Franken kosten. Im Landkanton ist der Wille zur Strasse zwar gross, der Staatssäckel aber dermassen leer, dass der Kanton nicht einmal das Geld für die Sanierung der abgenutzten Schienen des 6er Trams in Allschwil aufbringen kann. Wenn der Landkanton jetzt also ein milliardenteures Strassenbauprojekt anschiebt, ist das, wie wenn Griechenland ein Raumfahrtprogramm ankünden würde.

2045 ist so weit weg wie 1985 von heute

Davon abgesehen stellen sich aber ein paar grundsätzliche Fragen. Die Strassenbauprojekte sind so umfangreich und langfristig angelegt, dass mit der Fertigstellung des Strassenrings in etwa 30 Jahren zu rechnen ist. 30 Jahre sind eine lange Zeit. Wenn wir 30 Jahre zurückgehen, landen wir im Jahr 1985. Kurt Furgler ist zum dritten Mal Bundespräsident. Michail Gorbatschow wird Generalsekretär der KPdSU. Joschka Fischer wird Umweltminister der Grünen in Hessen und tritt sein Amt in Turnschuhen an. Boris Becker siegt als erster Deutscher beim Grand-Slam-Turnier von Wimbledon. Leggins heissen noch «fusslose Strumpfhosen», setzen sich aber trotzdem durch. Apple verkauft den ersten Macintosh-Computer. Das Internet gibt es bereits, weltweit sind aber erst 2000 Server mit dem Netz verbunden. Das World Wide Web entsteht erst fünf Jahre später.

1985 war die digitale Revolution noch nicht einmal am Horizont zu sehen. Musik hörte man ab Walkman, es gab zwar schon ein paar Natels in der Schweiz, sie hatten aber noch die Form von Koffern und waren 12 Kilogramm schwer. Das Natel-C-Netz gab es noch nicht, das wurde erst zwei Jahre später in Betrieb genommen. Die Swisscom hiess noch Schweizerische Post-, Telefon- und Telegrafenbetriebe (kurz: PTT). Autos waren eckige Kisten vom Schlag des ersten Golf: Vier Räder, zwei Scheinwerfer, eine Hupe. Weder Kurt Furgler noch Boris Becker konnten 1985 ahnen, wie sich die Welt in den nächsten Jahren verändern würde dank Internet und Mobiltelefon, Mauerfall und Freisetzung der Finanzmärkte. Stellen Sie sich vor, Sie hätten 1985 etwas für die nächsten 30 Jahre planen müssen. Unmöglich – oder?

Genauso unmöglich ist es, heute vorauszusagen, wie die Welt in 30 Jahren, also im Jahr 2045, funktionieren und aussehen wird. Kein Mensch weiss, ob Verkehr dann noch eine Rolle spielt oder ob leistungsfähige Digitalnetze den Pendlerverkehr obsolet gemacht haben. Niemand weiss, wie die nächste Revolution nach Internet und Mobilfunk aussehen wird. Es ist eine alte Weisheit: Prognosen sind etwas vom schwierigsten, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Das gilt besonders, wenn es um eine Frist von 30 Jahren geht, eine ganze Generation.

Fakt ist aber auch, dass die Zukunft auf den Entscheidungen der Gegenwart beruht. Ob das Baselbiet in 30 Jahren eine solche Strasse braucht, lässt sich nicht seriös vorhersagen. Wenn das Baselbiet die Strasse aber plant und baut, dann wird sie in 30 Jahren auch gebraucht, weil alle anderen Entwicklungsoptionen ausgeschlossen worden sind. Die Frage ist also nicht, was wir brauchen, sondern was wir wollen: Das, was jetzt nötig (und zahlbar) ist, jetzt bauen und die offenen Fragen offen lassen oder die Zukunft mit einem Milliardenprojekt wörtlich verbauen? Hätte man 1985 den Kommunikationsbedarf für das Jahr 2015 hochgerechnet, dann hätte daraus wohl ein Bauprojekt für Telefonkabinen resultiert. Das Geld der PTT wäre in Telefonkabinen gebunden gewesen und hätte nicht ins Handynetz investiert werden können. Wir sollten deshalb nicht über Telefonkabinen (oder Strassen) nachdenken, also über die Mittel, sondern über das Ziel.