Sie haben sicher auch einiger der Schlagzeilen gesehen: «Festung Basel» titelte der «Tages-Anzeiger», «Basel hinter Gittern» schrieb die «Tageswoche». «Luftwaffe zum Äussersten bereit» informierte uns «20 Minuten» und die NZZ kündigte «Absperrgitter und Schokolade» an. Die Rede ist nicht von einem Fussballmatch, es geht nicht um ein paar Hooligans, sondern um das Ministerratstreffen der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa am 4. und 5. Dezember.

Statt dass sich Basel freut, wird in der Stadt gejammert

Statt dass sich Basel darüber freut, 57 Aussenminister zu empfangen und für zwei Tage ein bisschen die Weltöffentlichkeit zu beherbergen, wird auf breiter Front gejammert. In den audiovisuellen Medien Basels klagen Kleinbasler darüber, dass sie drei Tage lang nicht an ihr Bankschliessfach herankommen. Gewerbler fürchten, dass Helikopter über der Altstadt die Kunden vertreiben. Und die Anwohner der Gerbergasse beschweren sich, dass ihre Gasse ein paar Stunden lang gesperrt wird und sie die Rollläden herunterlassen müssen. Basel profiliert sich auf diese Weise als Provinznest, das in Aufruhr gerät, wenn es in seiner Ruhe gestört wird.

Politiker und Medien kritisieren den Einsatz von Polizei und Militär: 1000 Polizisten und 3600 Armeeangehörige, das sei ein «Belagerungszustand». Gleichzeitig rufen Links-aussen-Gruppierungen auf zur Demonstration gegen die Konferenz. «OSZE angreifen» lautet die Parole. Das «Image einer Sicherheits- und Friedensorganisation», das sich die OSZE «angeeignet» habe, sei eine «bewusste Täuschung». Es sei im Gegenteil eine Versammlung der «grössten Waffenexporteure und Kriegstreiber der Welt». Die Mächtigen seien dabei unter sich: «Unerwünschte» wie die Anwohner der betroffenen Quartiere «haben in diesem Szenario keinen Platz».

Allerdings wird aus dem Aufruf zur Demonstration nicht ganz klar, warum es dem Frieden auf der Welt dienlich sein soll, gegen ein Treffen zu demonstrieren, wo sich Aussenminister zum Gespräch über Frieden zusammenfinden. Das Logo, das sich die Demonstranten gegeben haben, spricht Bände: Es zeigt einen blutüberströmten OSZE-Schriftzug, daneben eine Bombe mit glimmender Zündschnur. Die Demonstranten, welche auch den «Kapitalismus abschaffen» und für die «soziale Revolution» kämpfen wollen, rechtfertigen damit ungewollt den Polizeieinsatz, den sie beklagen. Wenn Menschen mit Bomben auf Flugblättern auftreten, müssen sie sich nicht wundern, wenn die Polizei Absperrgitter montiert.

Dass ein paar linke Wirrköpfe gegen die OSZE demonstrieren, ohne wahrzunehmen, dass die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa nichts anderes ist als eine Friedenskonferenz, das ist nicht weiter verwunderlich. Die demonstrieren gegen alles, das entfernt nach Uniform aussieht und mit Staat zu tun hat. Mehr zu denken gibt, dass Bewohner der Stadt und viele Medienschaffende die Konferenz als Belästigung ansehen. «Was die OSZE-Konferenz der Stadt bringt», titelte eine Zeitung diese Woche. Die Antwort folgt wortreich: Unannehmlichkeiten. Das, mit Verlaub, ist provinziell.

Die Frage ist doch: Wo können wir einen Beitrag leisten?

Wir müssen diese Perspektive umdrehen. Die Frage ist doch: Wo können wir einen Beitrag leisten? Die OSZE-Konferenz ist ein Beitrag Basels zum Frieden in Europa. Die Konferenz bringt vielleicht Basel auf die Landkarte, wie man so schön sagt. Aber in erster Linie ist es gerade jetzt wichtig, dass Vertreter der 57 Länder sich an einem neutralen Ort treffen und miteinander reden können: In der Ukraine und damit in Europa herrscht Krieg. Die OSZE ist gefordert wie seit Jahren nicht mehr.

Vielleicht ist das ganz generell das Problem der Schweiz: Unsere Perspektive auf die Welt ist geprägt von der Frage: Was bringt uns das? Es ist die Perspektive der satten Schweiz, die es nicht nötig zu haben glaubt, sich am Schicksal der Welt zu beteiligen. Die Schweiz bleibt neutral und engagiert sich dann, wenn es ihr etwas bringt. Vor diesem Hintergrund kann man durchaus auch die Masseneinwanderungsinitiative und die Ecopop-Initiative lesen: Die Schweiz versteht sich als Insel, als Burg mit Mauer und Zugbrücke. Die Welt ist ihr nur insofern willkommen, als sie der Schweiz etwas bringt.

Wir müssen diese Perspektive ändern. Die Schweiz ist weder Insel noch Burg, sondern ein kleiner Flicken im Patchwork Welt. Die Region Basel sowieso: Hier verknoten sich die Fäden des Patchworks, hier gehen Welt und Schweiz ineinander über. Gerade deshalb: Die Frage ist, welchen Beitrag Basel leisten kann. Und die OSZE-Konferenz ist ein wichtiger Beitrag, auf den wir stolz sein können.