Wir müssen hier nicht lange sachlich über die Goldinitiative diskutieren. Die Initiative «Rettet unser Schweizer Gold» will, dass die Schweizer Nationalbank mindestens 20 Prozent der Aktiven in Gold hält, dass sie dieses Gold in der Schweiz lagert und nie mehr verkauft. Thomas Jordan, der Präsident des Nationalbank-Direktoriums, wehrt sich gegen die Initiative und warnt vor einem Denkfehler. Die Aktiven der Nationalbank schwanken zum Teil stark. Müsste die Nationalbank immer ein Fünftel davon in Gold halten, das sie nie mehr verkaufen kann, besteht die Gefahr, dass sie das Schicksal von König Midas teilt und im Gold ertrinkt.

Warum sind 44 Prozent der Schweizer für die Initiative?

Alle Fachleute sind sich einig: Die Goldinitiative würde der Nationalbank gefährliche Fesseln anlegen. Fesseln, die verhindern würden, dass sich die Nationalbank so erfolgreich wehrt, wie sie das in den letzten Jahren gemacht hat. Wäre sie nicht entschlossen am Devisenmarkt eingeschritten und hätte sie nicht mit Eurokäufen dafür gesorgt, dass der Euro nicht tiefer sinkt als Fr. 1.20, ginge es der Schweizer Wirtschaft hundsmiserabel – und mit ihr uns allen. Warum aber stimmen laut GfS-Umfrage trotzdem 44 Prozent der Schweizer «bestimmt» oder «eher» für die Goldinitiative?

Der Grund ist die unwiderstehliche Faszination, welche Gold auf die Menschen ausübt und schon immer ausgeübt hat. Die Freude am Gold war in der Antike schon so ausgeprägt, dass die grossen Geschichtenerzähler mühelos Stoff für so manche Horrorstory fanden. Zum Beispiel die Geschichte von König Midas, der ebenso gierig wie dumm war. Er kidnappte den Weisen Silenos, den Lehrer des Rauschgottes Dionysos. Der wollte seinen Lehrer zurückhaben und erfüllte Midas im Gegenzug zur Freilassung einen Wunsch. Midas wünschte sich, dass alles, was er berühre, zu Gold werde. Doch Midas hatte nicht bedacht, dass sich auch Brot und Wein und sogar seine Tochter in Gold verwandeln. Er hatte rasch viele, wertvolle Gegenstände um sich, aber er hatte Hunger und war alleine.

Unserem Gefühl nach ist Gold aber etwas Positives. Schon sprachlich tritt «Gold» nur auf, wenn alles stimmt. «Goldrichtig» ist etwas, wenn es völlig richtig ist. Der «Goldjunge» ist ein lieber, netter Junge. Von einer «Goldgrube» spricht man da, wo es sich richtig lohnt und auf die «Goldwaage» legt man etwas, wenn die Waage supergenau sein soll. Gold muss gut sein. Das sagen auch die Initianten: Gold verspricht Substanz und Stabilität, was kann daran schlecht sein?

Was kann schlecht sein an der Stabilität, die Gold verspricht?

Zum einen: Gold ist viel weniger stabil, als wir unbedarften Beobachter meinen. Das hat nicht nur mit den beweglichen Finanzmärkten zu tun, sondern auch damit, dass nach wie vor Gold gefunden wird auf der Welt. Es gibt ein berühmtes Beispiel in der Geschichte, dass viel Edelmetall schlecht für das Vermögen sein kann. Die Spanier setzten im Zeitalter der Eroberungen auf Silber als Währung. Kann ja – siehe unsere Goldinitianten – nicht falsch sein, weil Silber immer etwas wert ist. Doch dann stiessen die Spanier in Südamerika auf unermessliche Silberschätze. Das viele Silber machte sie nicht einfach superreich, es entwertete vor allem das Silber in der Heimat. Die Folge: vier aufeinanderfolgende Staatspleiten. Kurz: Wer auf Gold setzt, begibt sich in die Hand der Goldsucher.

Zum anderen: Gold im Keller, das wir erst noch nicht verkaufen dürfen, bringt uns gar nichts. Das Gold der Schweizer war und ist nicht totes Edelmetall, sondern das, was unseren Gehirnen entspringt: Ideen. Gerade Basel lebt nicht vom Gold, sondern von Geistesblitzen. Oder, um es digital zu sagen: Es ist nicht die Hardware, die glücklich macht, sondern die Software.

König Midas übrigens merkte rasch, dass das Gold zum Fluch geworden war. Er ging zu Dionysos und beschwerte sich. Dionysos gab ihm den Rat, sich im Fluss Paktalos zu waschen. Midas folgt diesem Rat und der römische Dichter Ovid beendet die Geschichte mit dem Satz, dass König Midas, «nun Reichtum hassend und Prunk», sich lieber in Wäldern und Fluren aufhält. Davon hat die Schweiz ja genug.