Am Freitagnachmittag haben junge Sympathisanten der Wagenleute, welche Teile des ehemaligen Migrol-Areals im Basler Hafen besetzt halten, im Rathaus eine Petition eingereicht. Die Petition ist der vorläufige Höhepunkt einer Auseinandersetzung im Hafen, die vor allem von Missverständnissen geprägt ist.

Missverständnis 1: Die Duldung. Wagenleute haben das Hafenareal besetzt und wollen da in ihren Wagen alternative Lebensformen ausprobieren. Der Kanton duldet diese Besetzung vorläufig. Damit nimmt er der Besetzung die anarchistischen Züge. Der Kanton sagt den Besetzern: Innerhalb dieser Grenzen dürft ihr anarchisch sein. Das ist natürlich absurd. Anarchie zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass sie sich nicht an Grenzen hält.

Missverständnis 2: Der Raum. Weil es den Nutzern des Areals um Freiraum geht, diskutiert der Kanton seit Wochen über Quadratmeter, also über Raum. Doch den Nutzern geht es weniger um Raum als um Freiheit. Deshalb ist jede Quadratmeteranzahl falsch. Das erinnert mich als Vater an die Diskussionen mit den Kindern darüber, wann sie zu Bett gehen müssen. Da geht es auch weniger um die absolute Zahl als um die Rebellion dagegen.

Missverständnis 3: Der Inhalt. Die Wagenleute argumentieren, auf der Fläche seien «wertvolle Projekte» entstanden. Die Petition bezeichnet sie deshalb als Kulturschaffende. Sie hoffen damit, in der Stadt Sympathien zu wecken. Den meisten Bürgern der Stadt ist das Gelände an der Hafenstrasse aber wohl wurst und deshalb auch, was die Leute da machen. Dem Durchschnittsbasler geht es nicht um Inhalte, sondern um Gerechtigkeit. Wenn seine Beiz das Bier für vier Franken verkaufen muss, weil sie sich an alle Auflagen hält, warum darf die «Hafenscharte» auf dem besetzten Areal das Bier ohne Bewilligungen billiger verkaufen?

Missverständnis 4: Die Lösung. Der Kanton ist überzeugt, dass die Wagenleute sich letztlich ihrer Privilegien bewusst sind und einlenken werden. Alles andere wäre unvernünftig und nicht lösungsorientiert. Vielleicht geht es aber gar nicht um eine Lösung, sondern darum, sich am Kanton (am System) zu reiben. Das Manifest «Für eine offene Feindschaft mit Raubtieren» aus dem Umfeld der Wagenleute sieht in der Stadt ein per se «kapitalistisches Projekt» und in der Regierung «die ausführende Hand der Kapitalinteressen». Die Zwischennutzung der Brache im Hafen ist für diese Gruppe «ein perfider Angriff auf den Widerstand, der sich gegen die Aufwertung des Klybeck-Quartiers formiert». Kurz: Da ist nicht die Lösung das Ziel, sondern der Konflikt.

Letztes Missverständnis: Der Staat muss nicht beliebt sein, sondern gerecht. Er ist der kleinste, gemeinsame Nenner, auf den wir uns einigen, deshalb müssen seine Regeln für alle gelten. «Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich», steht in der Bundesverfassung. Es ist fahrlässig, dieses Prinzip um einer Freiheit willen aufs Spiel zu setzen, denn erst aus diesem Prinzip entsteht Freiheit.