«Gutmensch», das ist heute ein Schimpfwort. Es wird in der Debatte um Ausländer und Flüchtlinge meist von rechts gegen links angewendet und ist in der Regel böse gemeint. Ein Gutmensch, das ist nach dieser Lesart ein Mensch, der es gut meint, aber nicht gut macht: ein naiver Weltverbesserer, einer, der auf andere reinfällt, auf Flüchtlinge zum Beispiel, die doch in Wirklichkeit (wenigstens der Wirklichkeit derer, welche die Gutmenschen kritisieren) «Wirtschaftsflüchtlinge» seien.

Ein Gutmensch ist ein Biedermann, der die Brandstifter ins eigene Haus lässt und ihnen noch Bier serviert. Ein sentimentaler Weichling, der von der harten Realität einer darwinistischen Welt übermannt wird. Ein Ahnungsloser, ein Träumer, kurz: ein Schwächling.

Vielleicht braucht das Gute etwas Naivität

Den harten Worten, die dem Gutmenschen in der Flüchtlingsdebatte mit auf die Tischplatte pochenden Zeigfingern entgegengeschleudert werden, kann der Gutmensch kaum etwas entgegensetzen.

Natürlich kann die Schweiz ihre Grenzen nicht einfach öffnen. Natürlich können wir nicht alle Syrer, alle Iraker, alle Eritreer aufnehmen. Natürlich sind wir ein kleines, dicht besiedeltes Land. Natürlich leben schon viele Ausländer bei uns. Natürlich leben Jesiden, Salafisten oder Kopten, Sunniten, Schiiten, Aleviten oder Wahabiten eine ganz andere Kultur als die meisten Schweizer. Natürlich, natürlich – aber gibt uns das auch das Recht, unmenschlich zu sein? Ist Naivität und eine gewisse Weltfremdheit vielleicht sogar nötig, um das Gute anzustreben?

Es ist Zeit, die Gutmenschen aus der Ecke der naiven Weltverbesserer zu holen. «Gutmensch» darf in der Asyldebatte nicht länger Schimpfwort sein. Denn Gutmenschen wollen ja nichts anderes, als gute Menschen sein. Also eigentlich das, was sich der Humanismus zum Ziel gesetzt hat, dem sich Basel seit Jahrhunderten verpflichtet fühlt.

Goethe hat das Programm des Humanismus auf ein paar wenigen Gedichtzeilen im Gedicht «Das Göttliche» skizziert: «Edel sei der Mensch, hilfreich und gut! Denn das allein unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen.»

Anders gesagt: Was uns vom Tier unterscheidet, ist der Wille, Gutes zu tun, auch wenn es nicht immer den eigenen Interessen entspricht. Diese Vorstellung von Menschlichkeit geht zurück auf die Antike, insbesondere auf die Ideen der Griechen und Römer darüber, was ein guter Mensch sei. Und den Römern kann man nun weiss Gott nicht unterstellen, dass sie Weicheier waren. Cicero versteht unter dieser Humanitas Freiheit, Selbstverantwortlichkeit und Demokratie. Umgekehrt galten Ignoranz, Rücksichtslosigkeit und Ungerechtigkeit als barbarisch.

Im Zeitalter der Aufklärung, greifen verschiedene Denker die römischen Vorstellungen der Menschlichkeit wieder auf. Als Politiker die Ideen ernst nehmen, entstehen daraus die Französische Revolution und eine Reihe von Republiken – auch die Schweiz. Bis heute steht der Grundsatz aller Menschlichkeit in der Präambel der Schweizer Verfassung: dass «die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen». Artikel sieben lautet dann: «Die Würde des Menschen ist zu achten und zu schützen.» Wohlverstanden: Nicht die Würde des Schweizers, sondern die Würde des Menschen. Also auch die Würde von Syrern, Irakern, oder Kurden.

Doch die Menschen sind nicht von sich aus einfach gut und schon gar nicht einfach Gutmenschen. «Menschen werden nicht als Menschen geboren, sondern als solche erzogen!» schrieb der grosse Humanist Erasmus von Rotterdam, Linkerhand im Basler Münster begraben. Gerade deshalb ist es wichtig, dass wir uns der Verunglimpfung der Menschlichkeit entgegenstemmen. Das ist nicht einfach. Denn Hass gibt bessere Schlagzeilen und verbreitet sich wesentlich schneller als Menschlichkeit.

Stefan Zweig schrieb in seinem Porträt von Erasmus von Rotterdam (Achtung, der Satz ist etwas kompliziert, aber bleiben Sie dran, es lohnt sich): «Immer wird der Masse das Konkrete, das Greifbare eingängiger sein als das Abstrakte, immer darum im Politischen jede Parole am leichtesten Anhang finden, die statt eines Ideals eine Gegnerschaft proklamiert, einen bequem fassbaren, handlichen Gegensatz, der gegen eine andere Klasse, eine andere Rasse, eine andere Religion sich wendet, denn am leichtesten kann der Fanatismus seine frevlerische Flamme am Hass entzünden.» Genau das erleben wir heute. Es ist so einfach, eine «Gegnerschaft» zu proklamieren, einem «handlichen Gegensatz» das Wort zu geben, der sich gegen eine andere Rasse oder Religion richtet um, wie Zweig schreibt, den Hass zu entzünden. Und wenn die «frevlerische Flamme» einmal züngelt, greift sie schnell um sich.

Deshalb lobe ich mir die Gutmenschen. Wir müssen uns gegen den Anti-Flüchtlings-Shitstorm im Internet und das Stammtischgepolter der Rechten stemmen. Das gebietet die Menschlichkeit. «Gutmensch» darf nicht länger Schimpfwort sein, sondern muss Auszeichnung werden. Wissen Sie noch, wie Goethes Gedicht «Das Göttliche» endet? «Der edle Mensch sei hilfreich und gut!». Eben.