Wenn die Umfragen recht haben, lehnen die Schweizer Stimmbürger die Ecopop-Initiative in einer Woche ab. Trotzdem hinterlassen uns die Initianten ein übles Erbe: das Wort «Dichtestress». Es ist die moderne Version von «das Boot ist voll»: Das Wort suggeriert, dass die Schweiz keinen Platz mehr bietet und dass es uns allen deshalb schlecht geht.

«Dichtestress» bezeichnet in der Biologie eine extreme Überbevölkerung einer Tierart. Entstanden ist der Begriff auf einer amerikanischen Insel: 1916 wurden auf der 1,3 Quadratkilometer grossen Insel James Island in der Chesapeake Bay fünf Siska-Hirsche ausgesetzt. Die Hirsche vermehrten sich sehr rasch. 1955 waren es bereits über 300 Hirsche. Kurze Zeit später war die Hälfte der Tiere tot. Es war das erste dokumentierte Massensterben aufgrund einer Überbevölkerung.

Die Ecopop-Initianten haben das Wort auf die Schweiz übertragen und behaupten, dass wir in der Schweiz unter Dichtestress leiden. Rein biologisch gesehen ist das Blödsinn. Es gibt genügend Orte auf der Welt, wo viel mehr Menschen auf viel kleinerem Raum zusammenleben. Trotzdem kommt es da nicht zu einem Massensterben der Menschen, ergo kann es bei Menschen nicht zu einem Dichtestress wie bei den Hirschen kommen.

Doch das Wort vom Dichtestress ist in die Welt gesetzt: Dichtestress in Basel – das suggeriert, dass wir krank werden vor lauter Enge. Das ist Unsinn. Wir hatten noch nie so viel Platz wie heute. 1980 hatte jede Person in Basel 36,1 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung. Heute sind es über 42 Quadratmeter. Im Durchschnitt wird eine Wohnung in Basel heute von 1,92 Personen bewohnt, die 81 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung haben. Dichtestress?

Wirklich rasant gewachsen ist Basel vor allem im 19. Jahrhundert. 1835 lebten in Basel nur 21219 Einwohner. Um 1900 waren es mit 109161 Einwohner mehr als fünfmal mehr. Das rasche Wachstum hatte zum Teil prekäre Verhältnisse zu Folge. 1779 zählte die Stadt Basel 2030 Häuser. Sie wurden von 15 000 Menschen bewohnt. 1854 lebten doppelt so viele Menschen in Basel. Die Stadt zählte aber nur 200 Häuser mehr. Anlässlich der Volkszählung von 1889 fanden die Inspektoren nicht selten fünfköpfige Familien, die in einer Wohnung von weniger als 20 Quadratmeter hausten. Das ist vergleichbar prekär mit den neun Quadratmetern, die im Schnitt einem Einwohner von Shanghai heute zur Verfügung stehen. Verglichen damit sind die 42 Quadratmeter in Basel paradiesisch, die 45 Quadratmeter in der ganzen Schweiz luxuriös. Dichtestress?

Ganz abgesehen davon, dass Basel in den 70er-Jahren deutlich mehr Einwohner hatte als heute: fast 213 000 Menschen lebten damals in der Stadt. Dann setzte die grosse Stadtflucht ein. Jetzt haben es die Menschen nicht mehr eng in der Stadt. Jetzt leben sie in der Agglo und haben es eng in der S-Bahn.

Dazu kommt, dass in den letzten Jahrzehnten nicht nur die Wohnfläche, sondern auch die Fläche eines durchschnittlichen Arbeitsplatzes massiv zugenommen haben. Heute stehen pro Mitarbeiter in einem Büro 15 bis 20 Quadratmeter zur Verfügung. Ganz zu schweigen von der Freizeitfläche, die wir alle beanspruchen, vom Skateboard-Platz bis zur Skipiste und vom Konzertsaal bis zum Joggeli. A propos FC-Basel: Im Schnitt besuchen fast 29 000 Zuschauer die Spiele des FCB. Dabei wird es richtig eng. Gerade deshalb wird es einem als FCB-Fan warm ums Herz. Dichtestress?

Es kann also nicht an fehlendem Raum liegen, wenn Menschen in der Schweiz angeben, unter Dichtestress zu leiden. Woran liegt es dann? Nun: Wenn es nicht an der fehlenden Fläche oder Distanz liegt, dann liegt es vielleicht daran, wer es ist, der einem nahe kommt. Abgelehnt wird mit anderen Worten nicht die Nähe, sondern der spezifische Mensch. Bei genauerer Betrachtung ist von Dichtestress immer in Zusammenhang mit Zuwanderung die Rede. Also wird es den Menschen in der Schweiz dann eng, wenn das Gegenüber ein Zugewanderter und damit ein Fremder ist. Dichtestress bezeichnet also nicht ein Mangel an Fläche, sondern ein Unbehagen, eine Ablehnung des fremden Gegenübers. Kurz: Das Wort «Dichtestress» ist nichts anderes als ein Ausweichwort für Fremdenfeindlichkeit.