Radiopionier Roger Schawinski, Yello-Sänger Dieter Meier und Alt-Bundesrätin Micheline Calmy-Rey haben etwas gemeinsam: Sie alle feiern dieses Jahr ihren 70. Geburtstag.

Was – schon 70? Die sehen doch alle noch viel jünger aus. Aber es stimmt: Schawinski, Meier und Calmy-Rey sind 1945 geboren. Sie sind damit lebende Beweise dafür, dass das Ende des Zweiten Weltkriegs noch gar nicht so lange her ist.

Über ein Jahrhundert lang Erzfeinde

Als Generaloberst Alfred Jodl vor 70 Jahren im Hauptquartier der Westalliierten in Reims die bedingungslose Kapitulation Deutschlands unterzeichnete, war das nicht nur das Ende des Zweiten Weltkriegs. Über ein Jahrhundert lang hatten sich Deutschland und Frankreich bekriegt, bekämpft, beschossen. Die deutsch-französische Grenze stiess mal bei Basel, mal im Jura auf die Schweiz. In unmittelbarer Nachbarschaft von Basel liegen Schlachtfelder, die zu den schrecklichsten Europas gehören. So blutig sich die europäischen Länder über Jahrhunderte bekämpften – seit 70 Jahren herrscht Friede. Zumindest in Westeuropa. Selbst zwischen Deutschland, Frankreich und England schweigen seither die Kanonen.

Daran, dass die Menschen klüger geworden wären, liegt es nicht. Westeuropäische Länder waren auch nach 1945 immer wieder in Kriege verwickelt, Frankreich etwa in Indochina, England im Falklandkrieg. In Europa aber hielt der Friede zwischen Ländern, die sich Jahrhunderte lang als Erzfeinde gegenüberstanden. Von diesem Frieden in Europa haben alle europäischen Länder profitiert – auch und gerade die Schweiz. Wie ist es dazu gekommen?

Den Anfang machte Kohle und Stahl: Vor dem Friedensschluss von 1945 waren das kriegswichtige Güter. Die Sieger haben deshalb Deutschland gezwungen, Förderanlagen und Hochöfen im Ruhrgebiet zu demontieren. Doch Stahl und Kohle waren auch im Frieden wichtig. Es waren die für den Wiederaufbau entscheidenden Produktionsfaktoren. Deutschlands Wirtschaft konnte in die Gänge kommen, wenn Kohle und Stahl zur Verfügung standen. Aber wie konnte Europa dafür sorgen, dass Deutschland Kohle und Stahl nur friedlich nutzt? Der französische Aussenminister Robert Schumann hatte die entscheidende Idee: Sicherung des innereuropäischen Friedens durch die «Vergemeinschaftung», also die gegenseitige Kontrolle von Kohle und Stahl.

Das Resultat war die Montanunion, die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS). Gründerstaaten der EGKS waren Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und die Niederlande. Die Staaten einigten sich darauf, die Stahl- und Kohleindustrie gemeinsam zu kontrollieren und dafür die Zölle abzuschaffen. Zum ersten Mal überhaupt sollte eine supranationale Behörde überprüfen, ob die Mitgliedstaaten sich an den EGKS-Vertrag hielten.

Blaupause für die Europäische Union

Die EGKS war so erfolgreich, dass sie zur Blaupause für die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) wurde: 1957 wurde die Kohle- und Stahl-Gemeinschaft zur Wirtschaftsgemeinschaft ausgeweitet. Der wirtschaftliche Erfolg gibt der Gemeinschaft recht. 1973 treten deshalb mit Dänemark, Irland und dem Vereinigten Königreich drei weitere Länder bei. In den 80er Jahren folgten Griechenland, Portugal und Spanien, in den 90ern Schweden, Finnland und Österreich. Mittlerweile umfasst die Gemeinschaft 28 Mitgliedstaaten und ist nicht mehr nur eine Wirtschaftsgemeinschaft, sondern ein Staatenverbund.

Dass seit 70 Jahren Friede herrscht in Westeuropa, ist diesem europäischen Zusammenschluss zu verdanken. Das Funktionsprinzip ist einfach: Die EU hat den Frieden einträglicher gemacht als den Krieg. Damit verdankt auch die Schweiz einen grossen Teil ihres wirtschaftlichen Aufschwungs der EU. Dass es die EU ist, die Frieden nach Europa gebracht hat, geht in letzter Zeit gerne vergessen. In der Schweiz wird die EU einseitig als Bürokratenmoloch und Brüsseldiktatur verteufelt. In anderen Europäischen Ländern weiss man: lieber Bürokratie als Krieg. Die Schweiz ist bekanntlich vor 70 Jahren davon gekommen. Es würde ihr gut anstehen, auch 70 Jahre danach die Nase nicht zu hoch zu tragen.