Das wichtigste Ereignis dieser Woche ist weder die Kür des SVP-Bundesratskandidaten noch das Nein der Dänen zur EU, es ist die Klimakonferenz in Paris. Zum ersten Mal stehen die Chancen gut, dass die Weltgemeinschaft konkrete Massnahmen gegen die drohende Klimakatastrophe ergreift. Es ist gleichzeitig die letzte Gelegenheit, das drohende Fanal abzuwenden.

Die Klimakonferenz also. Ich höre Sie jetzt sagen: «Was kann die Schweiz neben all den grossen und mächtigen Ländern schon tun?» Sie haben natürlich recht: Die Schweiz kann das Klima nicht retten. Aber Sie können es. Ja: Sie. Natürlich nicht Sie alleine, aber auch Sie. Das Prinzip, um das es geht, hat der deutsche Philosoph Immanuel Kant 1785, also vor 230 Jahren, aufgeschrieben. Die Formel heisst «Kategorischer Imperativ» und lautet im Originaltext: «Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.» Man könnte auch sagen: Verhalte dich so, dass sich alle nach dir richten können. Oder etwas salopper gesagt: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu.

Immanuel Kant hat natürlich nicht an die Abwendung einer Klimakatastrophe gedacht. Sein Imperativ lässt sich aber sehr gut genau darauf anwenden. Wie sähe die Welt aus, wenn sich alle so verhalten würden wie wir Schweizer? Nun: Dazu würde eine einzige Welt nicht ausreichen. Wenn alle Menschen so viele Ressourcen verbrauchen würden wie die Schweizer, wären dazu 2,82 Planeten nötig. Oder anders gesagt: Der ökologische Fussabdruck der Schweiz ist mehr als viermal so gross wie ihre Biokapazität. Er misst fünf globale Hektaren pro Kopf. Die Biokapazität unseres Landes beträgt indes bloss 1,2 globale Hektaren pro Kopf. Die Schweiz lebt also ökologisch auf Kosten anderer Länder, insbesondere, was das Klima angeht.

Denn der Verbrauch fossiler Energie macht 65 Prozent des ökologischen Fussabdrucks aus. Fossile Energien sind damit der wichtigste Teil dieses Fussabdrucks und ihr Anteil ist in den vergangenen Jahrzehnten am stärksten gewachsen. Das sind übrigens keine Propagandazahlen der Grünen oder von Greenpeace, es sind die nüchternen Zahlen des Bundesamts für Statistik. Die Zahlen sagen: Wir Schweizer handeln ganz und gar nicht «nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.» Wir Schweizer verletzen den kategorischen Imperativ.

Natürlich können wir nach Paris schauen und darauf warten, worauf die Staatschefs der Länder sich einigen. Wir können auf die grossen Klimasünder zeigen, auf die USA und auf China zum Beispiel, und darüber klagen, dass die nicht mehr tun fürs Klima. Doch das ist billig. Ich würde uns allen eher empfehlen, Kant zu lesen und bei uns selbst zu beginnen.

Denn wir Menschen haben nicht nur Menschenrechte, wir haben auch Menschenpflichten: Das InterAction Council, eine Art Club ehemaliger Staatschefs, hat 1997 den Vereinten Nationen eine «Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten» vorgelegt. In 19 Artikeln beschreibt die Erklärung die grundlegenden Pflichten des Menschen, zu deren grundlegendster die Achtung der Menschenrechte gehört. Es geht um friedliches Verhalten, um Fairness, um Gerechtigkeit – es ist nichts anderes als eine Ausformulierung des kategorischen Imperativs. Diese Erklärung der Menschenpflichten hat nur einen Schönheitsfehler: Sie ist bis heute von den Vereinten Nationen nicht verabschiedet worden. Das soll uns aber nicht daran hindern, uns danach zu verhalten. Oder?