Frau Rot und Herr Blau sind schon lange verheiratet. Einst hatten sie sich von Herzen gern. Jetzt sind die Schmetterlinge im Bauch zwar nur noch Erinnerung. Trotzdem leben sie gern zusammen. Gern und gut. Oder auch gern, weil gut. Denn die beiden leben nicht schlecht, weil sie unter einem Dach leben. Frau Rot hat eine gut bezahlte Stelle in der Pharma, Herr Blau verdient nicht ganz so gut. Frau Rot hat wenig Zeit, sich um Haus und Garten zu kümmern, Herr Blau macht das aber gerne. Sie profitieren also gegenseitig voneinander und ergänzen sich auf angenehme Art und Weise.

Herr Blau hat drei Möglichkeiten

Für einige wichtige Dinge im Haushalt haben Frau Rot und Herr Blau ein gemeinsames Konto. Über das Konto bezahlen sie zum Beispiel den Gärtner, das Auto und die Gasrechnung. Viele Einkäufe, gerade die im exklusiven Weinladen, bezahlt Frau Rot von ihrem Geld. Herr Blau steckt dafür viel Zeit in den Garten. Das funktioniert ganz gut. Wenigstens bis jetzt. Denn Herr Blau hat erfahren, dass er eine Lohnkürzung hinnehmen muss. Die Wirtschaftslage zwingt seine Firma dazu. Herr Blau wird die Beiträge in die gemeinsame Kasse nicht mehr lange zahlen können. Wie soll Herr Blau mit dieser Situation umgehen?

Er sieht drei Möglichkeiten:

  • a) Er sagt nichts und zahlt weiter, auch wenn er dafür einen Kredit aufnehmen muss.
  • b) Er erklärt Frau Rot die Situation, bittet sie, die Beiträge in die gemeinsame Kasse anzupassen. Er bietet dafür an, im Garten Gurken zu züchten. Oder Radieschen.
  • c) Er stellt Frau Rot ultimativ vor die Wahl: Entweder, sie passt die Beiträge in die gemeinsame Kasse an, oder er zieht aus und reicht die Scheidung ein.

Was würden Sie tun? Was würden Sie Herrn Blau raten? Ich meine, die Antwort liegt auf der Hand. Oder?

In der Praxis sieht die Welt aber ganz anders aus. Zwar haben sich Basel-Stadt und Baselland immer wieder das Ja-Wort gegeben. Nicht zur Fusion, aber in vielen Volksabstimmungen zu partnerschaftlichen Institutionen wie der Uni und im Land erst kürzlich zu einer verstärkten, regionalen Kooperation. Doch jetzt hängt der Haussegen zwischen Basel-Stadt und Baselland schief, weil die Politiker zwischen Variante a) und Variante c) pendeln und beide abwechselnd für unmöglich erklären. Es ist mir schleierhaft, warum in einer für beide Seiten so nützlichen Partnerschaft nicht beide Kantone aufeinander zugehen und das Gespräch suchen können. Baselland könnte doch bei Basel-Stadt vorstellig werden wie Herr Blau bei Frau Rot und erklären, dass man im Moment Probleme habe und auch politisch etwas unter Druck stehe. Dann könnten Stadt und Land gemeinsam eine Lösung suchen, die den finanziellen Möglichkeiten des Landes entspricht, die gemeinsamen Institutionen aber nicht schädigt.

Stattdessen ziehen rechtsbürgerliche Kräfte und ihre Organe ein Powerplay gegen die Stadt auf, das nicht nur in der Stadt zum grossen Kopfschütteln führt. Die Rhetorik erinnert dabei frappant an die Diskussionen über das Verhältnis der Schweiz zur EU. Das Baselland mit Agglo und ländlicher Bevölkerung entspricht passenderweise dem Schweiz-Bild der SVP, die urbane Stadt dem Bild der EU. So betonen Politiker, dass das Land glücklicherweise unabhängig sei und deshalb frei über die Zusammenarbeit mit der Stadt entscheiden könne. Die Partnerschaft sei überschätzt, die Universität gar nicht so wichtig und das Gesundheitswesen sowieso in der Stadt zu teuer und nicht auf dem Land. Das Bild einer erfolgreichen Stadt hat in den Köpfen dieser Politiker ebenso wenig Platz wie das Bild eines erfolgreichen Europas.

Wenn Überzeugungen die Wahrheit gefährden

Doch wie Friedrich Nietzsche schon betonte: «Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen.» Und in Tat und Wahrheit sind Stadt und Land längst so verflochten, dass Herr Blau vielleicht die Scheidung einreichen, aber keinesfalls ausziehen kann. Vielleicht ist es sogar so, dass das Land (wie Herr Blau) etwas mehr auf die Stadt angewiesen ist als umgekehrt. Das ist für Herrn Blau schwer zu ertragen – und führt zu einseitig-irrationalen Reaktionen.

Es ist deshalb an der Zeit, dass in Basel-Stadt und im Baselbiet die Damen und Herren Politiker sich zusammensetzen und eine konstruktive Lösung suchen. Ohne ständige Indiskretionen an eine missgünstige Presse – und ohne Drohungen und geballte Fäuste. Mani Matter hat in seinen «Sudelheften» einen interessanten Satz von Laotse aufgeschrieben: «Von den besten Herrschern weiss das Volk bloss, dass es sie gibt.» Also, liebe Politiker in Stadt und Land: Spielt Euch nicht so in den Vordergrund, legt das Imponiergehabe ab und krempelt die Ärmel hoch. Im Alltag der Bevölkerung spielt die Kantonsgrenze längst keine Rolle mehr. Richtet Euch danach und belästigt die Menschen nicht ständig mit Auseinandersetzungen, die der Region ausser roten Köpfen und blauen Lippen nichts bringen. Frau Rot und Herr Blau können den Erfolg dann mit einem exklusiven Glas Wein zu Radieschen auf Gurkenbett feiern.

Kommt es trotzdem zum Kladderadatsch, ist es wie immer bei einer Scheidung: Die Zeche zahlen die Kinder, ob sie nun blau sind oder rot.