Die St. Galler Ständeratspräsidentin Karin Keller-Sutter untermauert ihre Bundesrats-Ambition mit dem Argument, die Ostschweiz sei in der Landesregierung seit langem untervertreten. Die Medien stimmten unisono in dieses Lamento ein. Erst letzte Woche bestätigte der Tages-Anzeiger erneut die «durchaus gut begründbaren Ansprüche der Ostschweiz auf Präsenz im Bundesrat».

Hut ab vor den Ostschweizer Lobbyisten, die solche Märchen der ganzen Schweiz als Wahrheit verkaufen. Aus hiesiger Sicht sieht die Realität ganz anders aus: Der einzige Basler oder Baselbieter Bundesrat der letzten 100 Jahre (!) war Hans-Peter Tschudi. Er trat 1973 aus der Landesregierung zurück. Seither gab es drei Appenzeller Bundesräte (Arnold Koller, Hans-Rudolf Merz, Ruth Metzler), einen aus St. Gallen (Kurt Furgler) und zwei aus dem schönen Felsberg bei Chur, nämlich Vater Leon Schlumpf und Tochter Evelyne Widmer-Schlumpf. Zwischen 1973 und 2018 besetzten also sechs Ostschweizerinnen und Ostschweizer, teilweise überlappend, Sitze in der obersten Exekutive.

Das Nachsehen haben andere Regionen und Kantone, insbesondere die beiden Basel. Es sind aber nicht die bösen Restschweizer «ennet des Juras», die uns bundespolitisch an den Rand drängen. Das Problem der 100-jährigen Einsamkeit Hans-Peter Tschudis in der Ahnengalerie des Bundesrates ist weitgehend hausgemacht.

Nehmen wir als Beispiel die einzige regionale Kandidatin, die im Moment ins Rennen steigt: CVP-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter aus Biel-Benken bringt als Präsidentin der Handelskammer und regionale Integrationsfigur alle Voraussetzungen mit, um beide Basel würdig im Bundesrat zu vertreten. Dennoch wird sie nur verhalten unterstützt. Einerseits weil im Baselbiet eine giftige, kantonale Vorwahlstimmung herrscht. Und anderseits weil ein Aufstieg der CVP-Vertreterin spätere nationale Karrieren von Nordwestschweizer Politikern aus anderen Parteien behindern könnte.

Ganz anders in St. Gallen. Dort trat etwa die 54-jährige Nationalrätin und SP-Vizepräsidentin Barbara Gysi an Keller-Sutters Nominierungs-Pressekonferenz auf. Dies, obwohl die freisinnige Kandidatin politisch ganz anders tickt und ein positiver Ausgang der Wahl Gysis eigene, spätere Bundesratsambitionen schmälert. Persönliche und parteipolitische Ziele stellt Gysi nicht zurück, sondern sie bindet sie intelligent in ihre Überlegungen ein. Denn mit Keller-Sutter im Bundesrat rückt St. Gallen ein gutes Stück näher an Bern heran.

Auf die Nordwestschweiz übertragen würde dies bedeuten, dass jetzt alle Parteien, nicht nur die CVP, Elisabeth Schneider-Schneiter als Nachfolgerin von Doris Leuthard portieren müssten. Sollte die Wahl scheitern, wäre es umgekehrt selbstverständlich, dass die CVP ihrerseits einen Vorschlag aus anderen Parteien aktiv fördern würde.

Neben dem fehlenden Gemeinsinn gibt es aber noch ein anderes Problem: Viele Nordwestschweizer unterschätzen die Bedeutung eines Sitzes in der Landesregierung. So tönte letzte Woche ein typisch baslerischer Kommentar auf Facebook: «Ist die regionale Herkunft in der kleiner gewordenen Welt heute noch zielführend? Mir ist die Kantonsfrage komplett wurscht, wenn es denn dem Land hilft.»

Das beste Beispiel für die Naivität dieser Einschätzung ist der Kampf um die Bundesmittel für das Eisenbahn-Netz. Das anstehende Programm «STEP Ausbauschritt 2035» umfasst 12 Milliarden Franken. Der Bundesrat weigert sich hartnäckig, mickrige 120 Millionen Franken davon für die Planung des Basler «Herzstücks» in die Vorlage aufzunehmen. Mit einem Basler im Bundesrat wäre ein solches Versagen schlicht undenkbar.

*Der Autor ist in Liestal aufgewachsen und lebt in Basel. Er ist Journalist, Kulturmanager, Unternehmer und Berater.